Das Guthaben wächst, trotzdem kann das Geld an Wert verlieren. Genau das zeigt der Realzins bei der Geldanlage. Er beschreibt, was von einem Zinsertrag übrig bleibt, wenn die Inflation berücksichtigt wird.
Diese Unterscheidung ist derzeit besonders wichtig. Im Juli 2026 lag die Inflationsrate in Deutschland bei 2,8 Prozent. Neue Bankeinlagen mit einer Laufzeit von bis zu einem Jahr wurden im Euroraum im Juni durchschnittlich mit 2,03 Prozent verzinst. Täglich verfügbare Einlagen brachten im Durchschnitt nur 0,28 Prozent.
Die Zahlen zeigen: Ein positiver Zins bedeutet noch keinen realen Vermögenszuwachs.
Nominalzins und Realzins sind nicht dasselbe
Der Nominalzins ist der Zins, den eine Bank oder ein Anlageprodukt ausweist. Steht beim Festgeld ein Zins von 2 Prozent, wächst ein Guthaben von 10.000 Euro innerhalb eines Jahres rechnerisch um 200 Euro vor Steuern.
Ob man sich von den dann vorhandenen 10.200 Euro tatsächlich mehr kaufen kann, hängt jedoch von der Preisentwicklung ab.
Steigen die Preise im gleichen Zeitraum um 2,8 Prozent, müsste das Guthaben auf 10.280 Euro wachsen, um seine Kaufkraft vollständig zu erhalten. Die Verzinsung gleicht die Inflation in diesem Beispiel also nicht aus.
Vereinfacht wird der Realzins häufig so berechnet:
Nominalzins minus Inflationsrate gleich Realzins
Bei 2,03 Prozent Zinsen und 2,8 Prozent Inflation ergibt sich näherungsweise ein Realzins von minus 0,77 Prozent. Mathematisch genauer sind es rund minus 0,75 Prozent.
Das Guthaben steigt zwar in Euro. Seine Kaufkraft sinkt dennoch.
Der Realzins bei der Geldanlage ist entscheidend
Für den Vermögensaufbau zählt nicht nur, wie viele Euro auf einem Konto oder Depot stehen. Entscheidend ist, welche Güter und Leistungen sich mit diesem Geld später bezahlen lassen.
Das gilt besonders für langfristige Ziele:
- den Ruhestand
- den Kauf oder die Modernisierung einer Immobilie
- die Ausbildung von Kindern
- eine spätere Pflege
- größere Reserven für die Familie
Wer 100.000 Euro langfristig mit einer Rendite unterhalb der Inflation anlegt, verliert nicht unmittelbar Geld auf dem Konto. Er verliert schrittweise finanzielle Möglichkeiten.
Bei einem negativen Realzins von 0,75 Prozent sinkt die Kaufkraft von 100.000 Euro innerhalb von zehn Jahren rechnerisch auf etwa 92.700 Euro. Das ist eine Modellrechnung. Inflation und Zinsen bleiben in der Realität nicht über zehn Jahre konstant. Das Beispiel zeigt aber die Größenordnung des Effekts.
Was die aktuellen Zahlen tatsächlich aussagen
Fakt ist: Das Statistische Bundesamt meldete für Juli 2026 eine Inflationsrate von 2,8 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.
Fakt ist ebenfalls: Nach Angaben der Europäischen Zentralbank lag der durchschnittliche Zins für neue Einlagen privater Haushalte mit einer Laufzeit von bis zu einem Jahr im Euroraum im Juni 2026 bei 2,03 Prozent. Täglich fällige Einlagen wurden im Durchschnitt lediglich mit 0,28 Prozent verzinst.
Einordnung: Diese Durchschnittswerte sagen nicht, welchen Zins eine bestimmte Bank heute anbietet. Es gibt bessere und schlechtere Angebote. Neukundenaktionen können über dem Marktdurchschnitt liegen, sind aber häufig zeitlich begrenzt oder an Bedingungen geknüpft.
Mögliche Schlussfolgerung: Guthaben auf unverzinsten oder schwach verzinsten Konten sollte regelmäßig überprüft werden. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede Reserve an die Börse gehört. Verfügbarkeit, Sicherheit und Rendite erfüllen unterschiedliche Aufgaben.
Tagesgeld bleibt sinnvoll, aber nicht für jedes Ziel
Tagesgeld hat klare Vorteile. Das Geld ist in der Regel kurzfristig verfügbar, der Kontostand schwankt nicht mit den Kapitalmärkten und Einlagen sind innerhalb der gesetzlichen Grenzen geschützt.
In Deutschland greift die gesetzliche Einlagensicherung grundsätzlich bis 100.000 Euro je Kunde und Bank. Unter bestimmten Voraussetzungen kann zeitweise ein höherer Schutz bestehen.
Tagesgeld eignet sich deshalb besonders für:
- den finanziellen Notgroschen
- absehbare Ausgaben
- Steuerrücklagen
- Geld, das in den kommenden Monaten benötigt wird
- den sicheren Teil einer umfassenderen Vermögensstrategie
Problematisch wird Tagesgeld, wenn dort über viele Jahre deutlich mehr Geld liegt, als für diese Zwecke benötigt wird. Dann wird aus einer sinnvollen Liquiditätsreserve schnell eine dauerhafte Anlage mit begrenzter Aussicht auf Kaufkrafterhalt.
Festgeld bietet Planbarkeit, aber weniger Beweglichkeit
Beim Festgeld wird das Geld für eine vereinbarte Zeit angelegt. Dafür ist der Zins meist höher als bei einem durchschnittlichen Girokonto oder einfachen Tagesgeldkonto.
Die Vorteile sind ein fester Zinssatz und eine gut planbare Rückzahlung. Dem stehen mehrere Nachteile gegenüber:
- Das Geld ist während der Laufzeit nicht oder nur schwer verfügbar.
- Bei steigenden Zinsen bleibt der vereinbarte Zins unverändert.
- Bei langen Laufzeiten kann die Inflation stärker steigen als erwartet.
- Eine hohe Summe bei einer einzigen Bank kann die Grenze der gesetzlichen Einlagensicherung überschreiten.
Eine mögliche Lösung ist eine sogenannte Festgeldleiter. Dabei wird das Geld auf mehrere Laufzeiten verteilt. So werden regelmäßig Teilbeträge frei. Das vermindert das Risiko, das gesamte Kapital zu einem ungünstigen Zeitpunkt lange zu binden.
Warum Aktien und ETF eine andere Aufgabe haben
Breit gestreute Aktienanlagen bieten keine Garantie für einen positiven Realzins. Ihr Wert kann erheblich schwanken. Zwischenzeitliche Verluste von 20, 30 Prozent oder mehr sind möglich.
Langfristig besitzen Unternehmen jedoch eine Eigenschaft, die Bankguthaben fehlt: Sie können Preise erhöhen, Gewinne erwirtschaften, investieren und wachsen. Aktien beteiligen Anleger an dieser wirtschaftlichen Entwicklung. Deshalb können breit gestreute Aktienfonds und ETF für langfristige Ziele eine wichtige Rolle übernehmen.
Ein ETF bildet in der Regel einen bestimmten Index ab. Wer einen weltweit gestreuten Aktien ETF kauft, investiert nicht in ein einzelnes Unternehmen, sondern in eine Vielzahl von Gesellschaften aus verschiedenen Ländern und Branchen.
Das reduziert einzelne Unternehmensrisiken. Es beseitigt jedoch nicht das allgemeine Börsenrisiko.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht: Tagesgeld oder ETF?
Sinnvoller ist die Frage: Welcher Teil des Vermögens wird wann und wofür benötigt?
Drei Zeiträume schaffen Orientierung
Eine Geldanlage lässt sich grundsätzlich nach dem geplanten Verwendungszeitpunkt strukturieren.
Kurzfristig benötigtes Geld
Für den Notgroschen und fest geplante Ausgaben stehen Verfügbarkeit und Sicherheit im Vordergrund. Tagesgeld kann dafür passend sein. Der Kaufkrafterhalt ist hier nicht das einzige Ziel.
Mittelfristig benötigtes Geld
Für Ausgaben in einigen Jahren können Festgeld, sichere Anleihen oder eine Kombination verschiedener Laufzeiten infrage kommen. Schwankungen sollten nur in einem Umfang eingegangen werden, der zum konkreten Zeitplan passt.
Langfristig verfügbares Geld
Bei einem Anlagezeitraum von zehn Jahren oder länger kann eine breit gestreute Beteiligung an den Kapitalmärkten sinnvoll sein. Je länger das Geld investiert bleiben kann, desto größer ist grundsätzlich die Chance, vorübergehende Kursverluste auszusitzen. Eine Garantie gibt es dennoch nicht.
Die konkrete Aufteilung hängt unter anderem von Einkommen, Vermögen, Rücklagen, Lebensplanung und persönlicher Risikotoleranz ab.
Steuern und Kosten verschärfen den Unterschied
Für die tatsächliche Rendite zählen nicht nur Zins und Inflation. Auch Steuern und Kosten müssen berücksichtigt werden.
Kapitalerträge können innerhalb des Sparer Pauschbetrags steuerfrei bleiben. Dieser beträgt grundsätzlich 1.000 Euro für Alleinstehende und 2.000 Euro für zusammenveranlagte Ehepaare beziehungsweise eingetragene Lebenspartner. Darüber hinaus können Abgeltungsteuer, Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer anfallen.
Bei Fonds und ETF kommen Produktkosten hinzu. Bei Konten können Gebühren oder ungünstige Bedingungen den Ertrag vermindern.
Die entscheidende Größe ist deshalb die Rendite:
nach Kosten, nach Steuern und nach Inflation.
Nicht jeder dieser Faktoren lässt sich exakt vorhersagen. Ignorieren sollte man sie trotzdem nicht.
Typische Fehlentscheidungen
Nur auf den ausgewiesenen Zins schauen
Ein Zins von 2 Prozent klingt besser als 0 Prozent. Bei einer höheren Inflation kann die Kaufkraft trotzdem sinken.
Die gesamte Rücklage langfristig festlegen
Ein höherer Festgeldzins hilft wenig, wenn das Geld vorzeitig benötigt wird und nicht verfügbar ist.
Aus Angst vor Inflation zu viel Risiko eingehen
Ein negativer Realzins rechtfertigt keine Anlage, deren Schwankungen oder Verlustrisiken man finanziell und emotional nicht tragen kann.
Geld ohne klares Ziel anlegen
Ohne Anlagezeitraum lässt sich kaum entscheiden, welches Risiko vertretbar ist.
Lockangebote nicht vollständig prüfen
Ein hoher Aktionszins kann nur für wenige Monate, nur bis zu einer bestimmten Summe oder ausschließlich für neues Geld gelten.
Einlagensicherung mit Kaufkrafterhalt verwechseln
Die Einlagensicherung schützt im gesetzlichen Rahmen vor dem Ausfall einer Bank. Sie schützt nicht vor Inflation.
Sicherheit braucht eine genauere Definition
Geld auf dem Konto kann nominal sicher sein und gleichzeitig real an Wert verlieren. Eine Aktienanlage kann kurzfristig stark schwanken und langfristig dennoch bessere Chancen auf Kaufkrafterhalt bieten.
Beides ist kein Widerspruch. Es sind unterschiedliche Risiken.
Eine tragfähige Vermögensstrategie versucht deshalb nicht, jedes Risiko zu vermeiden. Sie entscheidet bewusst, welches Geld verfügbar bleiben muss, welcher Betrag planbar angelegt werden soll und welcher Teil langfristig wachsen darf.
Wer diese Aufgaben sauber trennt, muss nicht zwischen vermeintlich vollständiger Sicherheit und maximalem Börsenrisiko wählen. Er gibt jedem Teil des Vermögens eine klare Funktion.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageempfehlung dar.