Reihenfolgerisiko im Ruhestand: Warum gute Durchschnittsrenditen nicht genügen

2. September 2026 in Vermögensanlage

Wer im Ruhestand regelmäßig Geld aus seinem Depot entnimmt, muss anders planen als während des Vermögensaufbaus. Denn nun entscheidet nicht nur, welche Rendite langfristig erzielt wird. Ebenso wichtig ist, wann Gewinne und Verluste auftreten.

Genau darum geht es beim Reihenfolgerisiko im Ruhestand. Fallen starke Kursverluste in die ersten Jahre der Entnahme, kann das Vermögen erheblich schneller schrumpfen. Selbst dann, wenn sich die Börse später wieder erholt.

Ein langer Ruhestand braucht eine belastbare Planung

Nach der aktuellen Sterbetafel 2023/2025 haben 65 jährige Männer in Deutschland statistisch noch 18,0 Jahre vor sich. Bei Frauen sind es 21,1 Jahre. Das Statistische Bundesamt weist zugleich darauf hin, dass solche Periodensterbetafeln die Sterblichkeitsverhältnisse des betrachteten Zeitraums abbilden. Sie sind keine persönliche Prognose. Statistisches Bundesamt, Juli 2026

Für eine Ruhestandsplanung genügt der Durchschnitt ohnehin nicht. Ein erheblicher Teil der Menschen lebt länger. Wer mit 65 Jahren in den Ruhestand geht, sollte deshalb nicht nur bis zum 83. oder 86. Lebensjahr rechnen.

Das Vermögen muss möglicherweise 25 oder 30 Jahre reichen. Gleichzeitig sollen regelmäßige Entnahmen möglich sein, ohne dass die Anlagestrategie bei jeder Börsenschwankung infrage gestellt wird.

Was ist das Reihenfolgerisiko im Ruhestand?

Beim Vermögensaufbau ist die Reihenfolge der Jahresrenditen weniger wichtig, solange keine größeren Beträge entnommen werden.

Ob ein Depot zunächst um 20 Prozent steigt und später um 20 Prozent fällt oder ob die Verluste zuerst eintreten, verändert zwar den zwischenzeitlichen Verlauf. Bei derselben Gesamtrendite und ohne Einzahlungen oder Entnahmen bleibt das Endergebnis jedoch gleich.

In der Entnahmephase ändert sich das.

Wer nach einem Kursverlust Geld aus dem Depot benötigt, muss mehr Fondsanteile oder Aktien verkaufen, um denselben Eurobetrag zu erhalten. Diese verkauften Anteile können an einer späteren Erholung nicht mehr teilnehmen.

Wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben das Reihenfolgerisiko deshalb als besonders bedeutsam rund um den Beginn der Entnahmephase. Herkömmliche Rendite und Risikokennzahlen erfassen diese Gefahr nur unvollständig. Clare, Glover, Seaton, Smith und Thomas: Measuring Sequence of Returns Risk

Zwei Depots, dieselben Renditen, unterschiedliche Ergebnisse

Ein vereinfachtes Beispiel macht den Effekt sichtbar.

Zwei Personen starten jeweils mit 500.000 Euro. Beide entnehmen am Ende jedes Jahres 25.000 Euro. Steuern, Kosten und Inflation bleiben zur besseren Verständlichkeit unberücksichtigt.

Die fünf Jahresrenditen betragen:

20 Prozent, 10 Prozent, 0 Prozent, minus 10 Prozent und minus 20 Prozent.

Beide Personen erleben genau diese fünf Renditen. Lediglich die Reihenfolge unterscheidet sich.

Variante A: Die Verluste kommen zuerst

Die Renditen lauten:

minus 20 Prozent, minus 10 Prozent, 0 Prozent, 10 Prozent, 20 Prozent.

Nach fünf Jahren verbleiben rund 324.500 Euro.

Variante B: Die Gewinne kommen zuerst

Die Renditen lauten:

20 Prozent, 10 Prozent, 0 Prozent, minus 10 Prozent, minus 20 Prozent.

Nach fünf Jahren verbleiben rund 374.400 Euro.

Der Unterschied beträgt 49.900 Euro.

Ohne Entnahmen hätten beide Depots nach den fünf Jahren denselben Wert. Mit Entnahmen führt allein die veränderte Reihenfolge zu einem deutlich anderen Ergebnis.

Das ist das Reihenfolgerisiko im Ruhestand.

Warum die ersten Jahre besonders kritisch sind

Ein Börsenrückgang ist nicht automatisch ein dauerhaftes Problem. Wer noch regelmäßig spart, kauft bei niedrigeren Kursen sogar mehr Anteile für denselben Sparbetrag.

In der Entnahmephase wirkt dieser Mechanismus in die andere Richtung. Nun werden bei niedrigen Kursen mehr Anteile verkauft.

Besonders ungünstig ist die Kombination aus:

  • einem hohen Aktienanteil
  • starken Verlusten kurz nach dem Ruhestandsbeginn
  • unveränderten Entnahmen
  • größeren ungeplanten Ausgaben
  • fehlenden sicheren Reserven

Das bedeutet nicht, dass zu Beginn des Ruhestands alle Aktien verkauft werden sollten. Auch eine zu vorsichtige Anlage kann riskant sein. Bankguthaben und sehr sichere Anleihen bieten nur begrenzte Renditechancen. Über mehrere Jahrzehnte kann die Inflation einen erheblichen Teil der Kaufkraft aufzehren.

Die eigentliche Aufgabe besteht darin, Börsenrisiko, Inflationsrisiko und die Gefahr eines zu frühen Vermögensverbrauchs miteinander auszubalancieren.

Eine Liquiditätsreserve kann Verkäufe unter Druck vermeiden

Eine mögliche Schutzmaßnahme ist eine ausreichend bemessene Reserve für die nächsten Ausgaben.

Dazu können Tagesgeld, Festgeld mit abgestimmten Laufzeiten oder geeignete kurz laufende Anleihen gehören. Aus diesem sicheren Teil werden die geplanten Entnahmen finanziert, während stärker schwankende Anlagen Zeit erhalten, sich nach Kursverlusten zu erholen.

Wie groß diese Reserve sein sollte, lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie hängt unter anderem ab von:

  • der Höhe der sicheren Renten und sonstigen Einnahmen
  • den monatlichen Ausgaben
  • dem Aktienanteil
  • der persönlichen Risikotoleranz
  • geplanten größeren Anschaffungen
  • dem Gesundheitszustand
  • dem gewünschten Nachlass

Eine sehr große Reserve beruhigt zwar. Sie kann langfristig aber Rendite und Kaufkrafterhalt belasten. Auch hier geht es um ein vernünftiges Gleichgewicht.

Sichere Einnahmen zuerst erfassen

Bevor eine Entnahme aus dem Vermögen geplant wird, sollte geklärt werden, welche regelmäßigen Einnahmen bereits vorhanden sind.

Dazu können gehören:

  • gesetzliche Renten
  • betriebliche und private Renten
  • Mieteinnahmen
  • Versorgungsbezüge
  • wiederkehrende Einnahmen aus Beteiligungen
  • zeitweise Erwerbseinkünfte

Diesen Einnahmen werden die erwarteten Ausgaben gegenübergestellt. Erst die verbleibende Lücke muss aus dem Vermögen geschlossen werden.

Dabei ist es sinnvoll, zwischen notwendigen und veränderbaren Ausgaben zu unterscheiden. Wohnkosten, Krankenversicherung und Lebenshaltung lassen sich kurzfristig kaum reduzieren. Reisen, größere Anschaffungen oder Schenkungen können eher angepasst oder verschoben werden.

Diese Unterscheidung schafft Handlungsspielraum, wenn die Kapitalmärkte vorübergehend schlecht laufen.

Flexible Entnahmen statt starrer Automatismen

Eine häufig genannte Entnahmeregel lautet, jedes Jahr einen festen Prozentsatz des ursprünglichen Vermögens zuzüglich Inflation zu entnehmen. Solche Regeln können Orientierung bieten. Sie sind jedoch keine Garantie.

Die Ergebnisse hängen unter anderem von folgenden Faktoren ab:

  • Anlagezeitraum
  • Zusammensetzung des Depots
  • Inflation
  • Kosten
  • Steuern
  • tatsächlicher Renditeverlauf
  • gewünschtes Restvermögen

Flexiblere Verfahren reagieren auf die Entwicklung des Depots. Nach guten Börsenjahren kann die Entnahme erhöht werden. Nach deutlichen Verlusten wird auf eine Steigerung verzichtet oder ein veränderbarer Teil der Ausgaben vorübergehend reduziert.

Das klingt weniger bequem als eine starre monatliche Zahlung. Es kann aber verhindern, dass in einer schlechten Marktphase zu viel Kapital verbraucht wird.

Größere Ausgaben gehören nicht in die normale Entnahme

Ein neues Auto, die Sanierung einer Immobilie oder eine größere Unterstützung für Kinder sind keine gewöhnlichen monatlichen Ausgaben.

Wer solche Beträge aus einem schwankenden Depot entnehmen muss, kann ausgerechnet in einer schlechten Börsenphase zu einem großen Verkauf gezwungen sein.

Absehbare Sonderausgaben sollten deshalb getrennt geplant werden. Geld, das in den nächsten Jahren sicher benötigt wird, hat eine andere Aufgabe als Kapital, das noch 15 oder 20 Jahre investiert bleiben kann.

Diese zeitliche Aufteilung macht die Vermögensstruktur übersichtlicher und reduziert spontane Entscheidungen.

Diversifikation bleibt auch im Ruhestand wichtig

Ein weltweit gestreutes Depot verteilt das Kapital auf viele Unternehmen, Länder und Branchen. Ergänzend können Anleihen und liquide Mittel die Schwankungen vermindern.

Diversifikation verhindert keine Verluste. Sie reduziert aber die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen, Regionen oder Anlageklassen.

ETF können hierfür geeignete Bausteine sein, wenn sie breit streuen, kostengünstig sind und zur gesamten Strategie passen. Auch ein ETF bleibt jedoch ein Wertpapier. Sein Kurs kann fallen und Verluste sind möglich.

Im Ruhestand sollte außerdem regelmäßig geprüft werden, ob sich die ursprünglich festgelegte Aufteilung durch unterschiedliche Kursentwicklungen stark verändert hat. Durch eine Rückführung auf die gewünschte Gewichtung, das sogenannte Rebalancing, kann verhindert werden, dass unbemerkt immer größere Risiken entstehen.

Typische Fehlentscheidungen in der Entnahmephase

Nur mit einer Durchschnittsrendite rechnen

Eine angenommene Rendite von beispielsweise fünf Prozent sagt nichts darüber aus, wann Verluste auftreten. Eine Ruhestandsplanung sollte deshalb auch ungünstige Börsenphasen zu Beginn berücksichtigen.

Das gesamte Vermögen investiert lassen

Wer keine Reserve besitzt, muss laufende Ausgaben unabhängig vom Börsenstand finanzieren. Das kann Verkäufe zu ungünstigen Zeitpunkten erzwingen.

Nach einem Kursverlust alles verkaufen

Ein vollständiger Rückzug aus Aktien nach einem Einbruch sichert den Verlust und nimmt dem Depot die Chance auf Erholung.

Entnahmen niemals überprüfen

Ausgaben, Inflation, Renditen und persönliche Lebensumstände verändern sich. Ein vor zehn Jahren erstellter Plan sollte nicht unverändert fortgeführt werden.

Zu vorsichtig anlegen

Ein sehr langer Ruhestand lässt sich nicht allein mit kurzfristiger Sicherheit planen. Wird die Inflation unterschätzt, kann die Kaufkraft des Vermögens schleichend sinken.

Durchschnittliche Lebenserwartung als Enddatum verwenden

Die statistische Lebenserwartung ist kein Ablaufdatum. Eine gute Planung muss auch ein langes Leben finanzieren können.

Was eine belastbare Entnahmestrategie leisten sollte

Eine durchdachte Strategie verbindet mehrere Elemente:

  1. Sichere Einnahmen und notwendige Ausgaben werden vollständig erfasst.
  2. Kurzfristig benötigtes Geld wird von langfristigem Kapital getrennt.
  3. Größere Sonderausgaben werden gesondert eingeplant.
  4. Die Entnahme kann auf starke Marktbewegungen reagieren.
  5. Das Depot bleibt ausreichend breit gestreut.
  6. Inflation, Steuern und Kosten werden berücksichtigt.
  7. Die Planung wird regelmäßig aktualisiert.

Das Ziel ist nicht, jede Schwankung zu verhindern. Das wäre bei einer langfristigen Kapitalanlage kaum möglich.

Entscheidend ist, nicht ausgerechnet in einer schlechten Börsenphase zu Maßnahmen gezwungen zu sein, die den weiteren Ruhestand dauerhaft belasten.

Das Reihenfolgerisiko zeigt, warum eine Ruhestandsplanung mehr sein muss als eine Hochrechnung mit einer durchschnittlichen Rendite. Vermögen, Entnahmen und sichere Einkünfte müssen gemeinsam betrachtet werden. Erst daraus entsteht ein Plan, der auch dann noch funktioniert, wenn die Börse sich nicht an den gewünschten Zeitplan hält.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageempfehlung dar.