ETF richtig kaufen: Wie Handelszeit, Spread und Ordertyp den Preis beeinflussen

18. September 2026 in Investmentfonds, Vermögensanlage

Bei einem ETF achten viele Anleger zuerst auf Index, Kosten und Wertentwicklung. Beim anschließenden Kauf wird dagegen häufig nur auf den angezeigten Kurs geschaut und sofort auf „Kaufen“ geklickt.

Dabei können Handelszeit, Börsenplatz, Spread und Ordertyp den tatsächlichen Kaufpreis beeinflussen. Wer einen ETF richtig kaufen möchte, muss deshalb kein Börsenprofi werden. Einige einfache Regeln helfen jedoch, unnötige Kosten und überraschende Ausführungspreise zu vermeiden.

Börsenkurs und Fondswert sind nicht dasselbe

Ein ETF besitzt einen wirtschaftlichen Wert, der sich aus den enthaltenen Wertpapieren abzüglich der Verbindlichkeiten des Fonds ergibt. Dieser Wert wird als Nettoinventarwert bezeichnet.

Während des Börsenhandels entsteht zusätzlich ein Marktpreis. Er richtet sich danach, zu welchen Preisen Anleger und Handelspartner aktuell kaufen oder verkaufen wollen.

Beide Werte liegen normalerweise eng beieinander. Sie müssen aber nicht jederzeit identisch sein.

Abweichungen können unter anderem entstehen durch:

  • unterschiedliche Handelszeiten der enthaltenen Aktienmärkte
  • schnelle Kursbewegungen
  • geringe Handelsaktivität
  • Unsicherheit über aktuelle Marktpreise
  • Wechselkursschwankungen
  • außergewöhnliche Börsenereignisse

Ein angezeigter ETF Kurs ist deshalb keine feste Preisgarantie. Entscheidend ist der Kurs, zu dem die Order tatsächlich ausgeführt wird.

Geldkurs, Briefkurs und Spread

Für ein Wertpapier werden üblicherweise zwei Preise angezeigt.

Geldkurs

Der Geldkurs ist der Preis, zu dem Marktteilnehmer bereit sind, ETF Anteile zu kaufen. Zu diesem Kurs kann ein Anleger grundsätzlich verkaufen.

Briefkurs

Der Briefkurs ist der Preis, zu dem Marktteilnehmer ETF Anteile anbieten. Zu diesem Kurs kann ein Anleger grundsätzlich kaufen.

Spread

Die Differenz zwischen Geldkurs und Briefkurs wird Spread genannt.

Ein vereinfachtes Beispiel:

  • Geldkurs: 99,90 Euro
  • Briefkurs: 100,10 Euro
  • Spread: 0,20 Euro je Anteil

Wer zu 100,10 Euro kauft und unmittelbar wieder zu 99,90 Euro verkauft, verliert allein durch den Spread 0,20 Euro je Anteil. Kursbewegungen, Gebühren und Steuern sind dabei noch nicht berücksichtigt.

Der Spread ist damit eine indirekte Handelskostenposition. Er wird normalerweise nicht separat vom Konto abgebucht, sondern steckt im Kauf und Verkaufspreis.

Warum sich der Spread verändert

Der Spread eines ETF ist nicht den ganzen Tag gleich.

Er kann enger sein, wenn:

  • viele Marktteilnehmer aktiv sind
  • die enthaltenen Wertpapiere gleichzeitig gehandelt werden
  • die Kurse der zugrunde liegenden Märkte gut feststellbar sind
  • die Börsen ruhig und liquide sind
  • mehrere Handelspartner miteinander konkurrieren

Er kann breiter werden, wenn:

  • wichtige Heimatbörsen noch geschlossen sind
  • Märkte außergewöhnlich stark schwanken
  • aktuelle Preise schwer einzuschätzen sind
  • nur wenige Kauf und Verkaufsangebote vorliegen
  • außerhalb der üblichen Haupthandelszeiten gehandelt wird

Ein liquider ETF kann daher zu einer ungünstigen Uhrzeit vorübergehend einen größeren Spread aufweisen. Umgekehrt muss ein ETF mit geringerem Börsenumsatz nicht automatisch schlecht handelbar sein, wenn die enthaltenen Wertpapiere liquide sind und Handelspartner verlässliche Preise stellen.

ETF richtig kaufen: Welche Handelszeit sinnvoll sein kann

Xetra ist der zentrale elektronische Handelsplatz der Deutschen Börse für Aktien, ETF und weitere börsengehandelte Produkte. Der reguläre Handel läuft grundsätzlich von 9.00 bis 17.30 Uhr.

Dass ein Handelsplatz geöffnet ist, bedeutet jedoch nicht automatisch, dass jeder Zeitpunkt gleich günstig ist.

Bei einem ETF auf europäische Aktien ist die Preisfindung meist leichter, wenn auch die maßgeblichen europäischen Börsen geöffnet sind.

Bei einem ETF auf amerikanische Aktien kann der Handel häufig liquider werden, sobald zusätzlich die Börsen in den USA geöffnet sind. Aufgrund der unterschiedlichen Sommerzeitregelungen kann sich die europäische Uhrzeit der US Börsenöffnung vorübergehend verschieben.

Bei einem breit gestreuten Welt ETF sind verschiedene Zeitzonen beteiligt. Ein Teil der enthaltenen Märkte kann bereits geschlossen sein, während andere noch gar nicht geöffnet haben.

Eine universell beste Uhrzeit gibt es deshalb nicht. Als praktische Orientierung gilt:

  • nicht unmittelbar in hektischen Eröffnungsphasen handeln
  • auf die Öffnungszeiten wichtiger Heimatmärkte achten
  • nach Möglichkeit während regulärer Haupthandelszeiten kaufen
  • bei außergewöhnlichen Marktbewegungen besonders vorsichtig sein
  • vor der Order den aktuellen Spread prüfen

Für einen langfristigen Anleger ist eine Abweichung von wenigen Cent selten entscheidend. Bei größeren Anlagebeträgen oder häufigem Handel können sich kleine Preisunterschiede jedoch summieren.

Der Börsenplatz kann einen Unterschied machen

Viele ETF sind an mehreren Börsenplätzen und außerbörslichen Handelsplätzen verfügbar. Dort können gleichzeitig unterschiedliche Geld und Briefkurse angezeigt werden.

Beim Vergleich sollten nicht nur die ausgewiesenen Ordergebühren betrachtet werden.

Wichtig sind auch:

  • aktueller Geldkurs
  • aktueller Briefkurs
  • Spread
  • verfügbare Stückzahl
  • Handelszeit
  • Börsenentgelt
  • mögliche Rückvergütungen des Brokers
  • Regeln zur Preisfeststellung
  • Qualität der Ausführung

Ein Handelsplatz ohne sichtbares Börsenentgelt muss nicht insgesamt günstiger sein. Ein ungünstigerer Ausführungskurs kann eine eingesparte Gebühr übersteigen.

Ein vereinfachtes Beispiel

Ein Anleger möchte 200 ETF Anteile kaufen.

Handelsplatz A Handelsplatz B
Briefkurs 100,00 Euro 100,08 Euro
Wert der Order 20.000 Euro 20.016 Euro
Ausgewiesene Kosten 10 Euro 0 Euro
Gesamter Mittelabfluss 20.010 Euro 20.016 Euro

In diesem Beispiel ist der Handelsplatz mit der sichtbaren Gebühr insgesamt um sechs Euro günstiger.

Das Beispiel zeigt: „Kostenloser Handel“ bedeutet nicht automatisch günstigste Ausführung.

Fakt ist: Der wirtschaftliche Kaufpreis besteht nicht nur aus der ausgewiesenen Ordergebühr.

Einordnung: Spread, Ausführungskurs und Börsenentgelt können wichtiger sein als eine kleine Gebührenersparnis.

Mögliche Schlussfolgerung: Vor größeren Orders sollten mindestens Briefkurs, Spread und Gesamtkosten mehrerer verfügbarer Handelsplätze verglichen werden.

Was eine Market Order bedeutet

Bei einer Market Order, häufig auch als unlimitierte Order bezeichnet, wird kein maximaler Kaufpreis festgelegt.

Die Order soll möglichst schnell zu den aktuell verfügbaren Preisen ausgeführt werden.

Das kann bei einem sehr liquiden ETF und einer kleinen Order unproblematisch erscheinen. Der endgültige Preis steht bei der Aufgabe der Order jedoch nicht fest.

Bewegt sich der Markt schnell oder reicht die angebotene Stückzahl zum besten Briefkurs nicht aus, können Teile der Order zu höheren Preisen ausgeführt werden.

Dieses Risiko wird häufig als Slippage bezeichnet. Gemeint ist die Abweichung zwischen dem erwarteten und dem tatsächlichen Ausführungspreis.

Eine Market Order priorisiert somit die Ausführung, nicht den Preis.

Wie eine Limit Order schützt

Bei einer Kauforder mit Limit legt der Anleger den höchsten Preis fest, den er je Anteil zahlen möchte.

Beispiel:

  • aktueller Briefkurs: 100,10 Euro
  • Kauflimit: 100,15 Euro

Die Order darf zu 100,15 Euro oder günstiger ausgeführt werden. Steigt der verfügbare Verkaufspreis darüber, findet zunächst kein Kauf statt.

Bei einem Verkauf funktioniert das Limit umgekehrt. Es bestimmt den niedrigsten akzeptierten Verkaufspreis.

Ein Limit kann vor einem überraschend ungünstigen Kurs schützen. Es besitzt aber eine Grenze: Die Order wird möglicherweise nur teilweise oder gar nicht ausgeführt.

Ein extrem knappes Limit kann dazu führen, dass der gewünschte ETF nicht gekauft wird, obwohl sich der Markt später deutlich nach oben bewegt.

Das Ziel ist daher nicht, mit jedem Limit einige Cent „herauszuhandeln“. Das Limit setzt eine Preisgrenze, die zum aktuellen Markt und zur eigenen Entscheidung passt.

Wie das Kauflimit festgelegt werden kann

Ein Limit sollte nicht willkürlich vom letzten angezeigten Kurs übernommen werden.

Der letzte Börsenkurs zeigt lediglich, zu welchem Preis das vorherige Geschäft zustande kam. Dieser Handel kann bereits einige Zeit zurückliegen. Inzwischen können sich Geld und Briefkurs verändert haben.

Für einen geplanten Kauf sind vor allem relevant:

  • aktueller Briefkurs
  • aktuelle Stückzahl auf der Verkaufsseite
  • aktuelle Marktbewegung
  • Abstand zwischen Geld und Briefkurs
  • gewünschte Gültigkeitsdauer der Order

Liegt der Briefkurs bei 100,10 Euro, kann ein Limit knapp darüber eine zeitnahe Ausführung ermöglichen und gleichzeitig eine klare Preisgrenze setzen. Eine Garantie besteht nicht.

Bei stark schwankenden Märkten kann sich der Briefkurs bereits während der Ordereingabe verändern.

Tagesgültig oder länger gültig?

Eine Order kann je nach Broker und Handelsplatz für unterschiedliche Zeiträume aufgegeben werden.

Tagesgültige Order

Die Order gilt nur für den aktuellen Handelstag. Wird sie nicht ausgeführt, verfällt sie automatisch.

Länger gültige Order

Die Order bleibt bis zu einem festgelegten Termin oder bis zum Widerruf bestehen.

Eine länger gültige Limit Order kann sinnvoll sein, wenn nur zu einem bestimmten Höchstpreis gekauft werden soll. Sie sollte aber nicht vergessen werden.

Verändert sich die persönliche Planung oder gibt es neue Informationen, kann ein altes Limit später unerwartet zur Ausführung kommen.

Offene Orders sollten deshalb regelmäßig kontrolliert werden.

Warum Stop Orders für langfristige ETF Anleger problematisch sein können

Mit einer Stop Order soll nach dem Erreichen eines festgelegten Kurses eine Kauf oder Verkaufsorder ausgelöst werden.

Bei einem Stop Loss Verkauf wird häufig angenommen, der festgelegte Stop Kurs garantiere den Verkaufspreis. Das ist nicht zwingend der Fall. Nach Aktivierung kann eine unlimitierte Verkaufsorder entstehen, die zum nächsten verfügbaren Kurs ausgeführt wird.

Bei schnellen Kursverlusten kann dieser Preis erheblich unter dem Stop Kurs liegen.

Für langfristig orientierte Anleger entstehen weitere Risiken:

  • ein kurzer Kurseinbruch löst einen Verkauf aus
  • die anschließende Erholung wird verpasst
  • Wiedereinstieg und neues Timing werden notwendig
  • Steuern und Handelskosten können entstehen
  • langfristige Strategie wird durch kurzfristige Kurse ersetzt

Eine Stop Order ist deshalb kein automatischer Schutz vor jedem Verlust. Ihre genaue Funktionsweise muss vor der Verwendung verstanden werden.

Große Orders können mehrere Ausführungen erhalten

Im elektronischen Handel werden Kauf und Verkaufsorders in einem Orderbuch gegenübergestellt. Dabei gilt auf Xetra grundsätzlich Preis vor Zeit. Bei gleichem Preis wird die früher eingegangene Order zuerst berücksichtigt.

Möchte ein Anleger mehr Anteile kaufen, als zum besten Briefkurs angeboten werden, kann die Order auf mehrere Preisstufen treffen.

Beispiel:

  • 100 Anteile zu 50,00 Euro
  • weitere 150 Anteile zu 50,05 Euro
  • weitere 300 Anteile zu 50,10 Euro

Eine unlimitierte Kauforder über 400 Anteile könnte in diesem vereinfachten Orderbuch zu verschiedenen Kursen ausgeführt werden.

Ein Limit begrenzt den maximal akzeptierten Preis. Bei größeren Summen kann außerdem eine Aufteilung der Order sinnvoll sein. Dadurch können jedoch zusätzliche Gebühren entstehen und der Markt kann sich zwischen den Käufen bewegen.

Sparplan und Einzelkauf unterscheiden sich

Bei einem ETF Sparplan legt der Anleger üblicherweise Betrag, Intervall und Ausführungstag fest. Den konkreten Ausführungszeitpunkt sowie den Handelsplatz bestimmt häufig der Broker nach seinen Bedingungen.

Der Anleger hat damit weniger Kontrolle über:

  • genaue Uhrzeit
  • Börsenplatz
  • kurzfristigen Ausführungskurs
  • verwendeten Ordertyp

Dafür ermöglicht der Sparplan regelmäßige Käufe ohne fortlaufende Einzelentscheidungen. Bei langfristigem Vermögensaufbau kann diese Einfachheit wichtiger sein als die Optimierung jedes einzelnen Kaufs.

Zu prüfen sind dennoch:

  • Ausführungsentgelt
  • möglicher Ausgabeaufschlag
  • verwendeter Handelsplatz
  • Umgang mit Bruchstücken
  • Verkaufsbedingungen für Bruchstücke
  • Änderungen der Sparplankonditionen

Ein kostenloser Sparplan garantiert ebenfalls keinen bestimmten Börsenkurs.

Der Stückpreis sagt nichts über die Attraktivität des ETF aus

Ein ETF Anteil für 20 Euro ist nicht automatisch günstiger bewertet als ein Anteil für 200 Euro.

Der Stückpreis ergibt sich unter anderem aus:

  • dem Wert des Fondsvermögens
  • der Zahl ausgegebener Anteile
  • der Entwicklung des zugrunde liegenden Index
  • früheren Anteilsteilungen

Für die wirtschaftliche Bewertung ist entscheidend, welche Wertpapiere der ETF enthält und wie hoch der anteilige Fondswert ist. Ein niedriger Stückpreis allein macht einen ETF weder günstig noch teuer.

Bei kleinen Anlagebeträgen kann der Stückpreis praktisch relevant sein, wenn der Broker keine Bruchstücke außerhalb eines Sparplans anbietet. Das ist jedoch eine Frage der Handelbarkeit, nicht der Bewertung.

Währungsangabe und Währungsrisiko nicht verwechseln

Ein ETF kann in Euro gehandelt werden und trotzdem erhebliche Fremdwährungsrisiken enthalten.

Entscheidend sind die Währungen und Geschäftsaktivitäten der enthaltenen Unternehmen sowie eine mögliche Währungsabsicherung des Fonds. Die Handelswährung am Börsenplatz verändert die zugrunde liegenden wirtschaftlichen Risiken nicht automatisch.

Der Kauf eines Welt ETF in Euro beseitigt daher nicht das Währungsrisiko der enthaltenen ausländischen Anlagen.

Umgekehrt entsteht nicht allein deshalb ein zusätzliches wirtschaftliches Währungsrisiko, weil derselbe ETF an einem Handelsplatz in US Dollar notiert. Allerdings können Umrechnungsgebühren des Brokers anfallen.

Typische Fehler beim ETF Kauf

Unlimitiert außerhalb der Haupthandelszeit kaufen

Ein breiterer Spread oder eine geringere Markttiefe kann zu einem ungünstigeren Ausführungspreis führen.

Nur auf die Ordergebühr schauen

Ein schlechterer Briefkurs kann die eingesparte Gebühr übersteigen.

Den letzten Kurs mit dem aktuellen Kaufpreis verwechseln

Für den Kauf ist der aktuelle Briefkurs wichtiger als ein möglicherweise älterer letzter Umsatz.

Ein unrealistisch niedriges Limit setzen

Dann bleibt die Order unausgeführt, obwohl die grundsätzliche Anlageentscheidung richtig gewesen sein könnte.

Das Limit zu großzügig wählen

Ein sehr weit entferntes Limit bietet kaum Schutz vor einem überraschenden Kurssprung.

Eine offene Order vergessen

Eine länger gültige Order kann später ausgeführt werden, obwohl das Geld inzwischen anders eingeplant wurde.

Kleine Preisunterschiede überbewerten

Wer wegen weniger Cent monatelang nicht investiert, kann größere Marktbewegungen verpassen. Handelsoptimierung darf die langfristige Strategie nicht ersetzen.

Den falschen ETF günstig kaufen

Ein guter Ausführungskurs macht aus einem ungeeigneten, teuren oder schlecht gestreuten ETF keine passende Anlage.

Eine praktische Checkliste vor dem Kauf

Vor dem Absenden der Order helfen diese Fragen:

  1. Ist es tatsächlich der gewünschte ETF mit der richtigen ISIN?
  2. Passt der ETF zum Anlageziel und zur Risikobereitschaft?
  3. Ist der wichtige Heimatmarkt der enthaltenen Wertpapiere geöffnet?
  4. Wie hoch sind aktueller Geldkurs und Briefkurs?
  5. Ist der Spread auffällig groß?
  6. Welche Gesamtkosten entstehen am gewählten Handelsplatz?
  7. Soll die Order mit einem Limit versehen werden?
  8. Wie lange soll die Order gültig bleiben?
  9. Reicht die angezeigte Stückzahl zum gewünschten Preis?
  10. Bestehen noch andere offene Orders?
  11. Wird das Geld langfristig nicht für andere Zwecke benötigt?
  12. Passt der Kauf zur geplanten Vermögensaufteilung?

Wer einen ETF richtig kaufen möchte, muss nicht den perfekten Sekundenkurs treffen. Langfristig sind Auswahl, Streuung, Kosten, Risikostruktur und Anlagedauer wichtiger als kleine tägliche Kursschwankungen.

Trotzdem lohnt ein sauberer Kaufprozess. Ein verständliches Limit, ein angemessener Handelszeitpunkt und der Blick auf den Spread schützen vor vermeidbaren Überraschungen. Beraten heißt hier nicht, den Markt vorherzusagen, sondern Fehlkäufe und unnötige Handelskosten zu verhindern.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung dar.

Reihenfolgerisiko im Ruhestand: Warum gute Durchschnittsrenditen nicht genügen

2. September 2026 in Vermögensanlage

Wer im Ruhestand regelmäßig Geld aus seinem Depot entnimmt, muss anders planen als während des Vermögensaufbaus. Denn nun entscheidet nicht nur, welche Rendite langfristig erzielt wird. Ebenso wichtig ist, wann Gewinne und Verluste auftreten.

Genau darum geht es beim Reihenfolgerisiko im Ruhestand. Fallen starke Kursverluste in die ersten Jahre der Entnahme, kann das Vermögen erheblich schneller schrumpfen. Selbst dann, wenn sich die Börse später wieder erholt.

Ein langer Ruhestand braucht eine belastbare Planung

Nach der aktuellen Sterbetafel 2023/2025 haben 65 jährige Männer in Deutschland statistisch noch 18,0 Jahre vor sich. Bei Frauen sind es 21,1 Jahre. Das Statistische Bundesamt weist zugleich darauf hin, dass solche Periodensterbetafeln die Sterblichkeitsverhältnisse des betrachteten Zeitraums abbilden. Sie sind keine persönliche Prognose. Statistisches Bundesamt, Juli 2026

Für eine Ruhestandsplanung genügt der Durchschnitt ohnehin nicht. Ein erheblicher Teil der Menschen lebt länger. Wer mit 65 Jahren in den Ruhestand geht, sollte deshalb nicht nur bis zum 83. oder 86. Lebensjahr rechnen.

Das Vermögen muss möglicherweise 25 oder 30 Jahre reichen. Gleichzeitig sollen regelmäßige Entnahmen möglich sein, ohne dass die Anlagestrategie bei jeder Börsenschwankung infrage gestellt wird.

Was ist das Reihenfolgerisiko im Ruhestand?

Beim Vermögensaufbau ist die Reihenfolge der Jahresrenditen weniger wichtig, solange keine größeren Beträge entnommen werden.

Ob ein Depot zunächst um 20 Prozent steigt und später um 20 Prozent fällt oder ob die Verluste zuerst eintreten, verändert zwar den zwischenzeitlichen Verlauf. Bei derselben Gesamtrendite und ohne Einzahlungen oder Entnahmen bleibt das Endergebnis jedoch gleich.

In der Entnahmephase ändert sich das.

Wer nach einem Kursverlust Geld aus dem Depot benötigt, muss mehr Fondsanteile oder Aktien verkaufen, um denselben Eurobetrag zu erhalten. Diese verkauften Anteile können an einer späteren Erholung nicht mehr teilnehmen.

Wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben das Reihenfolgerisiko deshalb als besonders bedeutsam rund um den Beginn der Entnahmephase. Herkömmliche Rendite und Risikokennzahlen erfassen diese Gefahr nur unvollständig. Clare, Glover, Seaton, Smith und Thomas: Measuring Sequence of Returns Risk

Zwei Depots, dieselben Renditen, unterschiedliche Ergebnisse

Ein vereinfachtes Beispiel macht den Effekt sichtbar.

Zwei Personen starten jeweils mit 500.000 Euro. Beide entnehmen am Ende jedes Jahres 25.000 Euro. Steuern, Kosten und Inflation bleiben zur besseren Verständlichkeit unberücksichtigt.

Die fünf Jahresrenditen betragen:

20 Prozent, 10 Prozent, 0 Prozent, minus 10 Prozent und minus 20 Prozent.

Beide Personen erleben genau diese fünf Renditen. Lediglich die Reihenfolge unterscheidet sich.

Variante A: Die Verluste kommen zuerst

Die Renditen lauten:

minus 20 Prozent, minus 10 Prozent, 0 Prozent, 10 Prozent, 20 Prozent.

Nach fünf Jahren verbleiben rund 324.500 Euro.

Variante B: Die Gewinne kommen zuerst

Die Renditen lauten:

20 Prozent, 10 Prozent, 0 Prozent, minus 10 Prozent, minus 20 Prozent.

Nach fünf Jahren verbleiben rund 374.400 Euro.

Der Unterschied beträgt 49.900 Euro.

Ohne Entnahmen hätten beide Depots nach den fünf Jahren denselben Wert. Mit Entnahmen führt allein die veränderte Reihenfolge zu einem deutlich anderen Ergebnis.

Das ist das Reihenfolgerisiko im Ruhestand.

Warum die ersten Jahre besonders kritisch sind

Ein Börsenrückgang ist nicht automatisch ein dauerhaftes Problem. Wer noch regelmäßig spart, kauft bei niedrigeren Kursen sogar mehr Anteile für denselben Sparbetrag.

In der Entnahmephase wirkt dieser Mechanismus in die andere Richtung. Nun werden bei niedrigen Kursen mehr Anteile verkauft.

Besonders ungünstig ist die Kombination aus:

  • einem hohen Aktienanteil
  • starken Verlusten kurz nach dem Ruhestandsbeginn
  • unveränderten Entnahmen
  • größeren ungeplanten Ausgaben
  • fehlenden sicheren Reserven

Das bedeutet nicht, dass zu Beginn des Ruhestands alle Aktien verkauft werden sollten. Auch eine zu vorsichtige Anlage kann riskant sein. Bankguthaben und sehr sichere Anleihen bieten nur begrenzte Renditechancen. Über mehrere Jahrzehnte kann die Inflation einen erheblichen Teil der Kaufkraft aufzehren.

Die eigentliche Aufgabe besteht darin, Börsenrisiko, Inflationsrisiko und die Gefahr eines zu frühen Vermögensverbrauchs miteinander auszubalancieren.

Eine Liquiditätsreserve kann Verkäufe unter Druck vermeiden

Eine mögliche Schutzmaßnahme ist eine ausreichend bemessene Reserve für die nächsten Ausgaben.

Dazu können Tagesgeld, Festgeld mit abgestimmten Laufzeiten oder geeignete kurz laufende Anleihen gehören. Aus diesem sicheren Teil werden die geplanten Entnahmen finanziert, während stärker schwankende Anlagen Zeit erhalten, sich nach Kursverlusten zu erholen.

Wie groß diese Reserve sein sollte, lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie hängt unter anderem ab von:

  • der Höhe der sicheren Renten und sonstigen Einnahmen
  • den monatlichen Ausgaben
  • dem Aktienanteil
  • der persönlichen Risikotoleranz
  • geplanten größeren Anschaffungen
  • dem Gesundheitszustand
  • dem gewünschten Nachlass

Eine sehr große Reserve beruhigt zwar. Sie kann langfristig aber Rendite und Kaufkrafterhalt belasten. Auch hier geht es um ein vernünftiges Gleichgewicht.

Sichere Einnahmen zuerst erfassen

Bevor eine Entnahme aus dem Vermögen geplant wird, sollte geklärt werden, welche regelmäßigen Einnahmen bereits vorhanden sind.

Dazu können gehören:

  • gesetzliche Renten
  • betriebliche und private Renten
  • Mieteinnahmen
  • Versorgungsbezüge
  • wiederkehrende Einnahmen aus Beteiligungen
  • zeitweise Erwerbseinkünfte

Diesen Einnahmen werden die erwarteten Ausgaben gegenübergestellt. Erst die verbleibende Lücke muss aus dem Vermögen geschlossen werden.

Dabei ist es sinnvoll, zwischen notwendigen und veränderbaren Ausgaben zu unterscheiden. Wohnkosten, Krankenversicherung und Lebenshaltung lassen sich kurzfristig kaum reduzieren. Reisen, größere Anschaffungen oder Schenkungen können eher angepasst oder verschoben werden.

Diese Unterscheidung schafft Handlungsspielraum, wenn die Kapitalmärkte vorübergehend schlecht laufen.

Flexible Entnahmen statt starrer Automatismen

Eine häufig genannte Entnahmeregel lautet, jedes Jahr einen festen Prozentsatz des ursprünglichen Vermögens zuzüglich Inflation zu entnehmen. Solche Regeln können Orientierung bieten. Sie sind jedoch keine Garantie.

Die Ergebnisse hängen unter anderem von folgenden Faktoren ab:

  • Anlagezeitraum
  • Zusammensetzung des Depots
  • Inflation
  • Kosten
  • Steuern
  • tatsächlicher Renditeverlauf
  • gewünschtes Restvermögen

Flexiblere Verfahren reagieren auf die Entwicklung des Depots. Nach guten Börsenjahren kann die Entnahme erhöht werden. Nach deutlichen Verlusten wird auf eine Steigerung verzichtet oder ein veränderbarer Teil der Ausgaben vorübergehend reduziert.

Das klingt weniger bequem als eine starre monatliche Zahlung. Es kann aber verhindern, dass in einer schlechten Marktphase zu viel Kapital verbraucht wird.

Größere Ausgaben gehören nicht in die normale Entnahme

Ein neues Auto, die Sanierung einer Immobilie oder eine größere Unterstützung für Kinder sind keine gewöhnlichen monatlichen Ausgaben.

Wer solche Beträge aus einem schwankenden Depot entnehmen muss, kann ausgerechnet in einer schlechten Börsenphase zu einem großen Verkauf gezwungen sein.

Absehbare Sonderausgaben sollten deshalb getrennt geplant werden. Geld, das in den nächsten Jahren sicher benötigt wird, hat eine andere Aufgabe als Kapital, das noch 15 oder 20 Jahre investiert bleiben kann.

Diese zeitliche Aufteilung macht die Vermögensstruktur übersichtlicher und reduziert spontane Entscheidungen.

Diversifikation bleibt auch im Ruhestand wichtig

Ein weltweit gestreutes Depot verteilt das Kapital auf viele Unternehmen, Länder und Branchen. Ergänzend können Anleihen und liquide Mittel die Schwankungen vermindern.

Diversifikation verhindert keine Verluste. Sie reduziert aber die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen, Regionen oder Anlageklassen.

ETF können hierfür geeignete Bausteine sein, wenn sie breit streuen, kostengünstig sind und zur gesamten Strategie passen. Auch ein ETF bleibt jedoch ein Wertpapier. Sein Kurs kann fallen und Verluste sind möglich.

Im Ruhestand sollte außerdem regelmäßig geprüft werden, ob sich die ursprünglich festgelegte Aufteilung durch unterschiedliche Kursentwicklungen stark verändert hat. Durch eine Rückführung auf die gewünschte Gewichtung, das sogenannte Rebalancing, kann verhindert werden, dass unbemerkt immer größere Risiken entstehen.

Typische Fehlentscheidungen in der Entnahmephase

Nur mit einer Durchschnittsrendite rechnen

Eine angenommene Rendite von beispielsweise fünf Prozent sagt nichts darüber aus, wann Verluste auftreten. Eine Ruhestandsplanung sollte deshalb auch ungünstige Börsenphasen zu Beginn berücksichtigen.

Das gesamte Vermögen investiert lassen

Wer keine Reserve besitzt, muss laufende Ausgaben unabhängig vom Börsenstand finanzieren. Das kann Verkäufe zu ungünstigen Zeitpunkten erzwingen.

Nach einem Kursverlust alles verkaufen

Ein vollständiger Rückzug aus Aktien nach einem Einbruch sichert den Verlust und nimmt dem Depot die Chance auf Erholung.

Entnahmen niemals überprüfen

Ausgaben, Inflation, Renditen und persönliche Lebensumstände verändern sich. Ein vor zehn Jahren erstellter Plan sollte nicht unverändert fortgeführt werden.

Zu vorsichtig anlegen

Ein sehr langer Ruhestand lässt sich nicht allein mit kurzfristiger Sicherheit planen. Wird die Inflation unterschätzt, kann die Kaufkraft des Vermögens schleichend sinken.

Durchschnittliche Lebenserwartung als Enddatum verwenden

Die statistische Lebenserwartung ist kein Ablaufdatum. Eine gute Planung muss auch ein langes Leben finanzieren können.

Was eine belastbare Entnahmestrategie leisten sollte

Eine durchdachte Strategie verbindet mehrere Elemente:

  1. Sichere Einnahmen und notwendige Ausgaben werden vollständig erfasst.
  2. Kurzfristig benötigtes Geld wird von langfristigem Kapital getrennt.
  3. Größere Sonderausgaben werden gesondert eingeplant.
  4. Die Entnahme kann auf starke Marktbewegungen reagieren.
  5. Das Depot bleibt ausreichend breit gestreut.
  6. Inflation, Steuern und Kosten werden berücksichtigt.
  7. Die Planung wird regelmäßig aktualisiert.

Das Ziel ist nicht, jede Schwankung zu verhindern. Das wäre bei einer langfristigen Kapitalanlage kaum möglich.

Entscheidend ist, nicht ausgerechnet in einer schlechten Börsenphase zu Maßnahmen gezwungen zu sein, die den weiteren Ruhestand dauerhaft belasten.

Das Reihenfolgerisiko zeigt, warum eine Ruhestandsplanung mehr sein muss als eine Hochrechnung mit einer durchschnittlichen Rendite. Vermögen, Entnahmen und sichere Einkünfte müssen gemeinsam betrachtet werden. Erst daraus entsteht ein Plan, der auch dann noch funktioniert, wenn die Börse sich nicht an den gewünschten Zeitplan hält.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageempfehlung dar.