Geldmarktfonds oder Tagesgeld: Wo liegt kurzfristiges Geld besser?

9. September 2026 in Investmentfonds, Vermögensanlage

Wer Geld kurzfristig verfügbar halten möchte, denkt meist zuerst an ein Tagesgeldkonto. Inzwischen werden auch Geldmarktfonds häufig als flexible Alternative angeboten.

Doch Geldmarktfonds oder Tagesgeld sind rechtlich und wirtschaftlich nicht dasselbe. Tagesgeld ist eine Bankeinlage. Ein Geldmarktfonds ist eine Wertpapieranlage. Rendite, Schutz, Verfügbarkeit und Risiken sollten deshalb getrennt betrachtet werden.

Was ist Tagesgeld?

Tagesgeld ist ein verzinstes Guthaben bei einer Bank. Der Zinssatz ist variabel und kann von der Bank jederzeit angepasst werden.

Das Geld besitzt üblicherweise keine feste Laufzeit. Es kann auf das vereinbarte Referenzkonto überwiesen werden, wobei die tatsächliche Verfügbarkeit von den Buchungszeiten der Bank abhängt.

Tagesgeld bietet vor allem drei Vorteile:

  • Der Kontostand schwankt nicht durch Börsenkurse.
  • Die Verzinsung ist leicht nachvollziehbar.
  • Einlagen sind innerhalb der gesetzlichen Grenzen geschützt.

Nach Angaben der Deutschen Bundesbank besteht im Entschädigungsfall ein gesetzlicher Anspruch von bis zu 100.000 Euro je Einleger und Bank. Dabei werden die geschützten Guthaben bei derselben Bank zusammengerechnet.

Unter bestimmten Voraussetzungen kann für besonders schutzwürdige Einlagen vorübergehend ein Schutz von bis zu 500.000 Euro gelten. Das kann beispielsweise nach dem Verkauf einer privat genutzten Immobilie relevant sein. Auf diesen erhöhten Schutz sollte man sich jedoch nicht ohne Prüfung der Voraussetzungen verlassen.

Was ist ein Geldmarktfonds?

Ein Geldmarktfonds sammelt das Kapital vieler Anleger und investiert es in kurzfristige Anlagen des Geldmarktes. Dazu können beispielsweise kurzfristige Schuldverschreibungen, Bankeinlagen und Geldmarktinstrumente gehören.

Das Ziel besteht normalerweise darin, eine marktnahe Verzinsung bei geringen Kursschwankungen zu erreichen. Ein Geldmarktfonds ist aber kein Konto und verspricht keinen unveränderlichen Kontostand.

Es gibt unterschiedliche Ausführungen:

  • aktiv verwaltete Geldmarktfonds
  • börsengehandelte Geldmarkt ETFs
  • Fonds mit sehr kurzen Anleihen
  • Produkte, die einen Geldmarktzinssatz über Tauschgeschäfte abbilden

Diese Varianten können sich bei Kosten, Risiken, Handel und Zusammensetzung deutlich unterscheiden. Der Begriff Geldmarktfonds allein reicht deshalb nicht für eine Beurteilung.

Geldmarktfonds oder Tagesgeld: Der Schutz funktioniert unterschiedlich

Beim Tagesgeld besteht eine Forderung des Kunden gegenüber der Bank. Kann die Bank das Guthaben nicht mehr zurückzahlen, greift innerhalb der gesetzlichen Voraussetzungen die Einlagensicherung.

Bei einem Investmentfonds werden die Vermögenswerte des Fonds vom Vermögen der Fondsgesellschaft getrennt verwahrt. Eine Insolvenz der Fondsgesellschaft bedeutet deshalb grundsätzlich nicht, dass das Fondsvermögen Teil ihrer Insolvenzmasse wird.

Das wird häufig verkürzt mit dem Begriff Sondervermögen beschrieben.

Dieser Schutz darf nicht mit einer Wertgarantie verwechselt werden. Er schützt die Vermögenswerte des Fonds vor dem Zugriff der Gläubiger der Fondsgesellschaft. Er schützt jedoch nicht vor:

  • Kursverlusten der enthaltenen Wertpapiere
  • Ausfällen von Emittenten
  • Liquiditätsproblemen
  • Bewertungsrisiken
  • Verlusten aus Tauschgeschäften
  • steigenden Kosten

Fakt ist: Tagesgeld fällt grundsätzlich unter die Einlagensicherung, ein Geldmarktfonds nicht.

Einordnung: Das Vermögen eines Fonds wird dafür rechtlich vom Vermögen der Fondsgesellschaft getrennt.

Mögliche Schlussfolgerung: Die Entscheidung sollte nicht allein vom Zinssatz abhängen. Entscheidend ist auch, welcher Schutzmechanismus zur persönlichen Situation passt.

Wie entsteht die Rendite eines Geldmarktfonds?

Die Rendite orientiert sich im Wesentlichen an den kurzfristigen Zinsen am Geldmarkt. Ein wichtiger Referenzwert ist der Euro Short Term Rate, kurz €STR.

Dieser Zinssatz wird von der Europäischen Zentralbank an jedem TARGET Geschäftstag veröffentlicht. Er basiert auf tatsächlich abgeschlossenen unbesicherten Übernachtgeschäften am Euro Geldmarkt.

Für den 8. September 2026 veröffentlichte die EZB einen €STR von 2,188 Prozent. Dieser Wert ist keine garantierte Rendite eines bestimmten Fonds. Er zeigt lediglich das damalige Zinsniveau am kurzfristigen institutionellen Geldmarkt.

Von der möglichen Fondsrendite gehen unter anderem ab:

  • Verwaltungskosten
  • Transaktionskosten
  • mögliche Handelskosten
  • die Geld Brief Spanne beim Börsenhandel
  • Abweichungen von der abgebildeten Geldmarktstrategie

Sinken die kurzfristigen Marktzinsen, sinkt normalerweise auch die erwartbare Rendite eines Geldmarktfonds. Steigen sie, kann die laufende Verzinsung mitziehen.

Warum Tagesgeldzinsen anders reagieren

Eine Bank muss den Geldmarktzins nicht vollständig an ihre Kunden weitergeben. Sie entscheidet selbst über die Verzinsung ihres Tagesgeldangebots.

Dabei spielen mehrere Faktoren eine Rolle:

  • der Bedarf der Bank an Kundeneinlagen
  • die Wettbewerbssituation
  • die allgemeine Zinsentwicklung
  • die Kosten der Bank
  • befristete Neukundenangebote
  • geschäftspolitische Entscheidungen

Deshalb können Tagesgeldzinsen deutlich voneinander abweichen. Eine Bank kann einen attraktiven Aktionszins anbieten und ihn nach wenigen Monaten stark reduzieren.

Ein Geldmarktfonds folgt dem Marktzins oft unmittelbarer. Dafür besitzt er keinen vorab garantierten Zinssatz und keinen garantierten Rückzahlungsbetrag.

Verfügbarkeit ist nicht dasselbe wie täglicher Handel

Tagesgeld lässt sich üblicherweise unmittelbar auf das Referenzkonto übertragen. Wochenenden, Feiertage, Überweisungslimits und Banklaufzeiten können die praktische Verfügbarkeit trotzdem beeinflussen.

Bei einem börsengehandelten Geldmarktfonds muss zunächst ein Verkauf stattfinden. Danach erfolgt die Abwicklung des Wertpapiergeschäfts. Bis das Geld auf dem Verrechnungskonto verfügbar und anschließend auf dem Girokonto eingegangen ist, können mehrere Bankarbeitstage vergehen.

Bei einem nicht börsengehandelten Fonds gelten Annahmeschlusszeiten und Abrechnungsregeln der Fondsgesellschaft.

Für Ausgaben, die jederzeit sofort bezahlt werden müssen, ist ein Geldmarktfonds daher nicht mit Bargeld oder einem unmittelbar verfügbaren Kontoguthaben gleichzusetzen.

Kann ein Geldmarktfonds Verlust machen?

Ja.

Geldmarktfonds sollen zwar geringe Schwankungen und eine hohe Liquidität ermöglichen. Ein bestimmter Rückzahlungsbetrag wird aber nicht garantiert.

Verluste können unter anderem entstehen, wenn:

  • ein Emittent seine Verpflichtungen nicht erfüllt
  • sich die Bonität eines Emittenten verschlechtert
  • Marktteilnehmer gleichzeitig in großem Umfang verkaufen
  • Wertpapiere nicht zu angemessenen Preisen handelbar sind
  • Zinsen unerwartet stark steigen
  • Kosten die erzielten Erträge übersteigen
  • bei einer synthetischen Abbildung ein Vertragspartner ausfällt

Die europäischen Vorgaben verlangen deshalb unter anderem Stresstests für Geldmarktfonds. Die BaFin wendet seit Mai 2026 die aktualisierten europäischen Leitlinien zu diesen Tests an.

Stresstests reduzieren das Risiko nicht auf null. Sie sollen zeigen, wie ein Fonds unter ungünstigen Marktbedingungen reagieren könnte.

Welche Kosten sollten Anleger prüfen?

Bei Tagesgeld sind Kontoführungsgebühren eher unüblich, aber nicht ausgeschlossen. Wichtiger ist häufig, wie lange der beworbene Zinssatz gilt und welcher Zins danach gezahlt wird.

Bei Geldmarktfonds können mehrere Kosten anfallen:

  • laufende Fondskosten
  • Kaufkosten
  • Verkaufskosten
  • Depotgebühren
  • Handelsplatzgebühren
  • Geld Brief Spanne

Die Geld Brief Spanne ist die Differenz zwischen dem Preis, zu dem ein Wertpapier gekauft werden kann, und dem niedrigeren Preis, zu dem es gleichzeitig verkauft werden könnte.

Bei kleinen Beträgen oder einer sehr kurzen Haltedauer können diese Kosten einen erheblichen Teil der Rendite aufzehren.

Ein Geldmarktfonds mit einer erwarteten Rendite von etwas mehr als zwei Prozent ist nicht automatisch vorteilhaft, wenn Kauf, Verkauf und Depot zusammen einen relevanten Betrag kosten.

Wie werden die Erträge besteuert?

Zinsen aus Tagesgeld und Erträge aus Geldmarktfonds gehören grundsätzlich zu den Einkünften aus Kapitalvermögen.

Dabei können Abgeltungsteuer, Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer anfallen. Der Sparerpauschbetrag kann über einen Freistellungsauftrag berücksichtigt werden.

Bei Fonds können neben Ausschüttungen und Verkaufsgewinnen weitere steuerliche Regeln eine Rolle spielen, insbesondere die Vorabpauschale. Ob und in welcher Höhe sie anfällt, hängt von den gesetzlichen Voraussetzungen und den jeweiligen Fondsdaten ab.

Ein Geldmarktfonds sollte deshalb nicht allein aufgrund einer beworbenen Bruttorendite mit einem Tagesgeldangebot verglichen werden.

Wofür kann Tagesgeld sinnvoll sein?

Tagesgeld kann besonders gut passen, wenn:

  • das Geld sehr kurzfristig benötigt werden könnte
  • ein stabiler Kontostand wichtig ist
  • der Betrag innerhalb der Einlagensicherungsgrenze liegt
  • eine einfache und transparente Lösung gewünscht wird
  • häufige Überweisungen geplant sind
  • keine Wertpapierschwankungen akzeptiert werden

Für eine Notfallreserve ist die schnelle und unkomplizierte Verfügbarkeit häufig wichtiger als der letzte Renditevorteil.

Wann kann ein Geldmarktfonds interessant sein?

Ein Geldmarktfonds kann in Betracht kommen, wenn:

  • Geld für einen begrenzten Zeitraum wertpapiernah geparkt werden soll
  • bereits ein kostengünstiges Depot vorhanden ist
  • der Betrag über der Einlagensicherungsgrenze einer einzelnen Bank liegt
  • eine marktnahe Verzinsung gewünscht wird
  • geringe Kursschwankungen akzeptiert werden
  • das Geld nicht innerhalb weniger Stunden verfügbar sein muss

Auch dann sollte geprüft werden, worin der Fonds tatsächlich investiert, wie hoch seine Kosten sind und ob er ausschüttend oder wiederanlegend arbeitet.

Typische Fehlentscheidungen

Den Geldmarktfonds für garantiert halten

Eine geringe Schwankung ist keine Garantie. Auch konservative Fonds können Verluste verursachen.

Nur den angezeigten Zinssatz vergleichen

Beim Tagesgeld kann es sich um einen befristeten Aktionszins handeln. Beim Geldmarktfonds kann der angezeigte Referenzzins vor Kosten liegen.

Die Einlagensicherung falsch berechnen

Die Grenze von 100.000 Euro gilt grundsätzlich je Person und Bank, nicht für jedes einzelne Konto und nicht für jede Marke desselben Kreditinstituts.

Die Notfallreserve vollständig investieren

Wenn zunächst Fondsanteile verkauft und Wertpapiergeschäfte abgerechnet werden müssen, steht das Geld nicht zwingend sofort zur Verfügung.

Kauf und Verkauf zu häufig wiederholen

Handelskosten und Geld Brief Spanne können die Rendite erheblich verringern.

Geldmarktfonds mit sehr kurzen Anleihefonds gleichsetzen

Die Übergänge wirken fließend, doch Laufzeiten, Kursrisiken und Anlagebedingungen können sich unterscheiden. Maßgeblich sind Verkaufsprospekt und Basisinformationsblatt.

Vorübergehend benötigtes Geld in Aktien investieren

Wer Geld in wenigen Monaten oder Jahren sicher benötigt, sollte das Verlustrisiko einer Aktienanlage nicht allein wegen einer höheren Renditeerwartung eingehen.

Eine einfache Entscheidungshilfe

Vor der Auswahl sollten fünf Fragen beantwortet werden:

  1. Wann wird das Geld voraussichtlich benötigt?
  2. Muss es jederzeit sofort verfügbar sein?
  3. Liegt der Betrag innerhalb der Einlagensicherung?
  4. Welche Kosten entstehen bei Kauf, Haltung und Verkauf?
  5. Werden auch geringe Wertschwankungen akzeptiert?

Häufig muss die Entscheidung nicht ausschließlich auf eine der beiden Möglichkeiten fallen.

Ein sofort benötigter Notgroschen kann auf einem Tagesgeldkonto liegen. Ein darüber hinausgehender Betrag, der erst nach einigen Tagen verfügbar sein muss, kann getrennt betrachtet werden. Dabei kommt es auf die gesamte Vermögensstruktur und nicht auf das einzelne Produkt an.

Tagesgeld bietet einen stabilen Kontostand, eine einfache Handhabung und gesetzlichen Einlagenschutz innerhalb der geltenden Grenzen. Geldmarktfonds können näher an der Entwicklung des kurzfristigen Marktzinses liegen und eignen sich auch für größere Beträge, bleiben aber Wertpapieranlagen mit Kosten und Verlustrisiken.

Die bessere Lösung ist deshalb nicht automatisch die mit dem höchsten angezeigten Zinssatz. Sie ist diejenige, deren Schutz, Verfügbarkeit und Kosten zum Zweck des Geldes passen.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageempfehlung oder Steuerberatung dar.

Reihenfolgerisiko im Ruhestand: Warum gute Durchschnittsrenditen nicht genügen

2. September 2026 in Vermögensanlage

Wer im Ruhestand regelmäßig Geld aus seinem Depot entnimmt, muss anders planen als während des Vermögensaufbaus. Denn nun entscheidet nicht nur, welche Rendite langfristig erzielt wird. Ebenso wichtig ist, wann Gewinne und Verluste auftreten.

Genau darum geht es beim Reihenfolgerisiko im Ruhestand. Fallen starke Kursverluste in die ersten Jahre der Entnahme, kann das Vermögen erheblich schneller schrumpfen. Selbst dann, wenn sich die Börse später wieder erholt.

Ein langer Ruhestand braucht eine belastbare Planung

Nach der aktuellen Sterbetafel 2023/2025 haben 65 jährige Männer in Deutschland statistisch noch 18,0 Jahre vor sich. Bei Frauen sind es 21,1 Jahre. Das Statistische Bundesamt weist zugleich darauf hin, dass solche Periodensterbetafeln die Sterblichkeitsverhältnisse des betrachteten Zeitraums abbilden. Sie sind keine persönliche Prognose. Statistisches Bundesamt, Juli 2026

Für eine Ruhestandsplanung genügt der Durchschnitt ohnehin nicht. Ein erheblicher Teil der Menschen lebt länger. Wer mit 65 Jahren in den Ruhestand geht, sollte deshalb nicht nur bis zum 83. oder 86. Lebensjahr rechnen.

Das Vermögen muss möglicherweise 25 oder 30 Jahre reichen. Gleichzeitig sollen regelmäßige Entnahmen möglich sein, ohne dass die Anlagestrategie bei jeder Börsenschwankung infrage gestellt wird.

Was ist das Reihenfolgerisiko im Ruhestand?

Beim Vermögensaufbau ist die Reihenfolge der Jahresrenditen weniger wichtig, solange keine größeren Beträge entnommen werden.

Ob ein Depot zunächst um 20 Prozent steigt und später um 20 Prozent fällt oder ob die Verluste zuerst eintreten, verändert zwar den zwischenzeitlichen Verlauf. Bei derselben Gesamtrendite und ohne Einzahlungen oder Entnahmen bleibt das Endergebnis jedoch gleich.

In der Entnahmephase ändert sich das.

Wer nach einem Kursverlust Geld aus dem Depot benötigt, muss mehr Fondsanteile oder Aktien verkaufen, um denselben Eurobetrag zu erhalten. Diese verkauften Anteile können an einer späteren Erholung nicht mehr teilnehmen.

Wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben das Reihenfolgerisiko deshalb als besonders bedeutsam rund um den Beginn der Entnahmephase. Herkömmliche Rendite und Risikokennzahlen erfassen diese Gefahr nur unvollständig. Clare, Glover, Seaton, Smith und Thomas: Measuring Sequence of Returns Risk

Zwei Depots, dieselben Renditen, unterschiedliche Ergebnisse

Ein vereinfachtes Beispiel macht den Effekt sichtbar.

Zwei Personen starten jeweils mit 500.000 Euro. Beide entnehmen am Ende jedes Jahres 25.000 Euro. Steuern, Kosten und Inflation bleiben zur besseren Verständlichkeit unberücksichtigt.

Die fünf Jahresrenditen betragen:

20 Prozent, 10 Prozent, 0 Prozent, minus 10 Prozent und minus 20 Prozent.

Beide Personen erleben genau diese fünf Renditen. Lediglich die Reihenfolge unterscheidet sich.

Variante A: Die Verluste kommen zuerst

Die Renditen lauten:

minus 20 Prozent, minus 10 Prozent, 0 Prozent, 10 Prozent, 20 Prozent.

Nach fünf Jahren verbleiben rund 324.500 Euro.

Variante B: Die Gewinne kommen zuerst

Die Renditen lauten:

20 Prozent, 10 Prozent, 0 Prozent, minus 10 Prozent, minus 20 Prozent.

Nach fünf Jahren verbleiben rund 374.400 Euro.

Der Unterschied beträgt 49.900 Euro.

Ohne Entnahmen hätten beide Depots nach den fünf Jahren denselben Wert. Mit Entnahmen führt allein die veränderte Reihenfolge zu einem deutlich anderen Ergebnis.

Das ist das Reihenfolgerisiko im Ruhestand.

Warum die ersten Jahre besonders kritisch sind

Ein Börsenrückgang ist nicht automatisch ein dauerhaftes Problem. Wer noch regelmäßig spart, kauft bei niedrigeren Kursen sogar mehr Anteile für denselben Sparbetrag.

In der Entnahmephase wirkt dieser Mechanismus in die andere Richtung. Nun werden bei niedrigen Kursen mehr Anteile verkauft.

Besonders ungünstig ist die Kombination aus:

  • einem hohen Aktienanteil
  • starken Verlusten kurz nach dem Ruhestandsbeginn
  • unveränderten Entnahmen
  • größeren ungeplanten Ausgaben
  • fehlenden sicheren Reserven

Das bedeutet nicht, dass zu Beginn des Ruhestands alle Aktien verkauft werden sollten. Auch eine zu vorsichtige Anlage kann riskant sein. Bankguthaben und sehr sichere Anleihen bieten nur begrenzte Renditechancen. Über mehrere Jahrzehnte kann die Inflation einen erheblichen Teil der Kaufkraft aufzehren.

Die eigentliche Aufgabe besteht darin, Börsenrisiko, Inflationsrisiko und die Gefahr eines zu frühen Vermögensverbrauchs miteinander auszubalancieren.

Eine Liquiditätsreserve kann Verkäufe unter Druck vermeiden

Eine mögliche Schutzmaßnahme ist eine ausreichend bemessene Reserve für die nächsten Ausgaben.

Dazu können Tagesgeld, Festgeld mit abgestimmten Laufzeiten oder geeignete kurz laufende Anleihen gehören. Aus diesem sicheren Teil werden die geplanten Entnahmen finanziert, während stärker schwankende Anlagen Zeit erhalten, sich nach Kursverlusten zu erholen.

Wie groß diese Reserve sein sollte, lässt sich nicht pauschal beantworten. Sie hängt unter anderem ab von:

  • der Höhe der sicheren Renten und sonstigen Einnahmen
  • den monatlichen Ausgaben
  • dem Aktienanteil
  • der persönlichen Risikotoleranz
  • geplanten größeren Anschaffungen
  • dem Gesundheitszustand
  • dem gewünschten Nachlass

Eine sehr große Reserve beruhigt zwar. Sie kann langfristig aber Rendite und Kaufkrafterhalt belasten. Auch hier geht es um ein vernünftiges Gleichgewicht.

Sichere Einnahmen zuerst erfassen

Bevor eine Entnahme aus dem Vermögen geplant wird, sollte geklärt werden, welche regelmäßigen Einnahmen bereits vorhanden sind.

Dazu können gehören:

  • gesetzliche Renten
  • betriebliche und private Renten
  • Mieteinnahmen
  • Versorgungsbezüge
  • wiederkehrende Einnahmen aus Beteiligungen
  • zeitweise Erwerbseinkünfte

Diesen Einnahmen werden die erwarteten Ausgaben gegenübergestellt. Erst die verbleibende Lücke muss aus dem Vermögen geschlossen werden.

Dabei ist es sinnvoll, zwischen notwendigen und veränderbaren Ausgaben zu unterscheiden. Wohnkosten, Krankenversicherung und Lebenshaltung lassen sich kurzfristig kaum reduzieren. Reisen, größere Anschaffungen oder Schenkungen können eher angepasst oder verschoben werden.

Diese Unterscheidung schafft Handlungsspielraum, wenn die Kapitalmärkte vorübergehend schlecht laufen.

Flexible Entnahmen statt starrer Automatismen

Eine häufig genannte Entnahmeregel lautet, jedes Jahr einen festen Prozentsatz des ursprünglichen Vermögens zuzüglich Inflation zu entnehmen. Solche Regeln können Orientierung bieten. Sie sind jedoch keine Garantie.

Die Ergebnisse hängen unter anderem von folgenden Faktoren ab:

  • Anlagezeitraum
  • Zusammensetzung des Depots
  • Inflation
  • Kosten
  • Steuern
  • tatsächlicher Renditeverlauf
  • gewünschtes Restvermögen

Flexiblere Verfahren reagieren auf die Entwicklung des Depots. Nach guten Börsenjahren kann die Entnahme erhöht werden. Nach deutlichen Verlusten wird auf eine Steigerung verzichtet oder ein veränderbarer Teil der Ausgaben vorübergehend reduziert.

Das klingt weniger bequem als eine starre monatliche Zahlung. Es kann aber verhindern, dass in einer schlechten Marktphase zu viel Kapital verbraucht wird.

Größere Ausgaben gehören nicht in die normale Entnahme

Ein neues Auto, die Sanierung einer Immobilie oder eine größere Unterstützung für Kinder sind keine gewöhnlichen monatlichen Ausgaben.

Wer solche Beträge aus einem schwankenden Depot entnehmen muss, kann ausgerechnet in einer schlechten Börsenphase zu einem großen Verkauf gezwungen sein.

Absehbare Sonderausgaben sollten deshalb getrennt geplant werden. Geld, das in den nächsten Jahren sicher benötigt wird, hat eine andere Aufgabe als Kapital, das noch 15 oder 20 Jahre investiert bleiben kann.

Diese zeitliche Aufteilung macht die Vermögensstruktur übersichtlicher und reduziert spontane Entscheidungen.

Diversifikation bleibt auch im Ruhestand wichtig

Ein weltweit gestreutes Depot verteilt das Kapital auf viele Unternehmen, Länder und Branchen. Ergänzend können Anleihen und liquide Mittel die Schwankungen vermindern.

Diversifikation verhindert keine Verluste. Sie reduziert aber die Abhängigkeit von einzelnen Unternehmen, Regionen oder Anlageklassen.

ETF können hierfür geeignete Bausteine sein, wenn sie breit streuen, kostengünstig sind und zur gesamten Strategie passen. Auch ein ETF bleibt jedoch ein Wertpapier. Sein Kurs kann fallen und Verluste sind möglich.

Im Ruhestand sollte außerdem regelmäßig geprüft werden, ob sich die ursprünglich festgelegte Aufteilung durch unterschiedliche Kursentwicklungen stark verändert hat. Durch eine Rückführung auf die gewünschte Gewichtung, das sogenannte Rebalancing, kann verhindert werden, dass unbemerkt immer größere Risiken entstehen.

Typische Fehlentscheidungen in der Entnahmephase

Nur mit einer Durchschnittsrendite rechnen

Eine angenommene Rendite von beispielsweise fünf Prozent sagt nichts darüber aus, wann Verluste auftreten. Eine Ruhestandsplanung sollte deshalb auch ungünstige Börsenphasen zu Beginn berücksichtigen.

Das gesamte Vermögen investiert lassen

Wer keine Reserve besitzt, muss laufende Ausgaben unabhängig vom Börsenstand finanzieren. Das kann Verkäufe zu ungünstigen Zeitpunkten erzwingen.

Nach einem Kursverlust alles verkaufen

Ein vollständiger Rückzug aus Aktien nach einem Einbruch sichert den Verlust und nimmt dem Depot die Chance auf Erholung.

Entnahmen niemals überprüfen

Ausgaben, Inflation, Renditen und persönliche Lebensumstände verändern sich. Ein vor zehn Jahren erstellter Plan sollte nicht unverändert fortgeführt werden.

Zu vorsichtig anlegen

Ein sehr langer Ruhestand lässt sich nicht allein mit kurzfristiger Sicherheit planen. Wird die Inflation unterschätzt, kann die Kaufkraft des Vermögens schleichend sinken.

Durchschnittliche Lebenserwartung als Enddatum verwenden

Die statistische Lebenserwartung ist kein Ablaufdatum. Eine gute Planung muss auch ein langes Leben finanzieren können.

Was eine belastbare Entnahmestrategie leisten sollte

Eine durchdachte Strategie verbindet mehrere Elemente:

  1. Sichere Einnahmen und notwendige Ausgaben werden vollständig erfasst.
  2. Kurzfristig benötigtes Geld wird von langfristigem Kapital getrennt.
  3. Größere Sonderausgaben werden gesondert eingeplant.
  4. Die Entnahme kann auf starke Marktbewegungen reagieren.
  5. Das Depot bleibt ausreichend breit gestreut.
  6. Inflation, Steuern und Kosten werden berücksichtigt.
  7. Die Planung wird regelmäßig aktualisiert.

Das Ziel ist nicht, jede Schwankung zu verhindern. Das wäre bei einer langfristigen Kapitalanlage kaum möglich.

Entscheidend ist, nicht ausgerechnet in einer schlechten Börsenphase zu Maßnahmen gezwungen zu sein, die den weiteren Ruhestand dauerhaft belasten.

Das Reihenfolgerisiko zeigt, warum eine Ruhestandsplanung mehr sein muss als eine Hochrechnung mit einer durchschnittlichen Rendite. Vermögen, Entnahmen und sichere Einkünfte müssen gemeinsam betrachtet werden. Erst daraus entsteht ein Plan, der auch dann noch funktioniert, wenn die Börse sich nicht an den gewünschten Zeitplan hält.

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlageempfehlung dar.