Ein ETF Depot verändert sich mit den Börsenkursen. Steigen Aktien stärker als andere Bestandteile, wächst ihr Anteil am Gesamtvermögen. Aus einer ursprünglich ausgewogenen Aufteilung kann so unbemerkt ein deutlich riskanteres Depot werden.
Mit Rebalancing im ETF Depot wird die tatsächliche Aufteilung wieder an die geplante Anlagestruktur angepasst. Dabei geht es nicht darum, die Börse vorherzusagen. Es geht darum, das Risiko zu kontrollieren.
Was bedeutet Rebalancing im ETF Depot?
Rebalancing bedeutet, ein Depot wieder auf seine ursprünglich festgelegte Aufteilung zurückzuführen.
Ein vereinfachtes Beispiel:
Eine Anlegerin entscheidet sich für folgende Struktur:
- 70 Prozent Aktien ETF
- 20 Prozent sichere Zinsanlagen
- 10 Prozent Liquidität
Nach einem starken Börsenjahr beträgt der Aktienanteil 80 Prozent. Die sicheren Anlagen und die Liquidität machen zusammen nur noch 20 Prozent aus.
Das Depot ist gewachsen. Gleichzeitig ist es riskanter geworden.
Beim Rebalancing wird der Aktienanteil wieder auf 70 Prozent reduziert. Das kann durch Verkäufe, zusätzliche Einzahlungen in die übrigen Anlagebereiche oder eine veränderte Verteilung der Sparrate erfolgen.
Warum sich die Depotstruktur von selbst verändert
Die einzelnen Anlagen entwickeln sich nicht gleich.
Aktien können innerhalb eines Jahres deutlich steigen, während Anleihen kaum zulegen. Auch unterschiedliche Aktienregionen, Branchen oder Unternehmensgrößen entwickeln sich zeitweise sehr verschieden.
Diese Abweichungen werden als Übergewichtung und Untergewichtung bezeichnet.
Eine Übergewichtung liegt vor, wenn eine Anlage einen größeren Anteil am Depot besitzt als vorgesehen. Bei einer Untergewichtung ist der Anteil kleiner.
Das ist zunächst kein Fehler. Es ist eine normale Folge unterschiedlicher Kursentwicklungen. Problematisch wird es, wenn das Depot dadurch nicht mehr zum Anlageziel, zum Zeitraum oder zur persönlichen Risikobereitschaft passt.
Rebalancing ist keine Renditeprognose
Beim Rebalancing werden häufig Anteile der zuletzt besonders gut gelaufenen Anlagen reduziert. Das Geld fließt anschließend in Bereiche, die sich schwächer entwickelt haben.
Das kann sich unangenehm anfühlen. Schließlich wird ein Teil der Gewinner verkauft und in die bisherigen Nachzügler investiert.
Daraus folgt jedoch keine Garantie, dass diese Anlagen anschließend aufholen. Eine bereits teure Anlage kann weiter steigen. Eine schwache Anlage kann weiter fallen.
Fakt ist: Rebalancing stellt eine festgelegte Vermögensaufteilung wieder her.
Einordnung: Damit kann verhindert werden, dass einzelne Anlagen nach starken Kursbewegungen das Depot und sein Risiko immer stärker bestimmen.
Mögliche Schlussfolgerung: Rebalancing sollte als Instrument der Risikosteuerung verstanden werden, nicht als Methode zur kurzfristigen Steigerung der Rendite.
Warum die ursprüngliche Aufteilung entscheidend ist
Ohne eine geplante Zielstruktur gibt es nichts, worauf das Depot zurückgeführt werden könnte.
Vor dem ersten ETF Kauf sollte deshalb geklärt werden:
- Welches Ziel soll mit dem Vermögen erreicht werden?
- Wann wird das Geld voraussichtlich benötigt?
- Welche zwischenzeitlichen Verluste wären finanziell tragbar?
- Welche Kursschwankungen werden tatsächlich ausgehalten?
- Welche Beträge müssen jederzeit verfügbar bleiben?
- Welche sicheren Einkünfte und weiteren Vermögenswerte bestehen?
Eine pauschale Aktienquote passt nicht zu jedem Menschen.
Wer noch mehrere Jahrzehnte bis zur geplanten Verwendung des Geldes hat, kann Kursschwankungen möglicherweise länger aussitzen. Wer in wenigen Jahren regelmäßig Geld aus dem Depot entnehmen möchte, benötigt häufig eine andere Struktur.
Rebalancing kann nur eine sinnvolle Aufteilung erhalten. Es kann keine ungeeignete Anlagestruktur reparieren.
Wie oft sollte ein ETF Depot neu ausgerichtet werden?
Es gibt keinen allgemein richtigen Termin. Zwei Verfahren sind besonders verbreitet.
Rebalancing nach einem festen Termin
Das Depot wird beispielsweise einmal im Jahr überprüft. Nur wenn eine relevante Abweichung vorliegt, wird gehandelt.
Der Vorteil liegt in der Einfachheit. Ein fester Termin verhindert, dass das Depot ständig beobachtet wird.
Der Nachteil: Größere Abweichungen können zwischen zwei Terminen längere Zeit bestehen bleiben.
Rebalancing nach festen Grenzen
Hier wird erst gehandelt, wenn eine zuvor festgelegte Abweichung überschritten wurde.
Ein Beispiel:
Die Zielquote für Aktien beträgt 70 Prozent. Eine Anpassung erfolgt erst, wenn der tatsächliche Anteil unter 65 oder über 75 Prozent liegt.
Diese Grenzen sind keine allgemeine Empfehlung. Sie müssen zur Depotstruktur, zu den Kosten und zur persönlichen Risikoplanung passen.
Der Vorteil: Kleine Kursbewegungen lösen nicht sofort Käufe und Verkäufe aus.
Der Nachteil: Die Entwicklung muss regelmäßig kontrolliert werden. Wer täglich nachsieht, läuft Gefahr, aus einer langfristigen Regel doch wieder kurzfristigen Aktionismus zu machen.
Warum zu häufiges Rebalancing schaden kann
Eine tägliche oder monatliche Anpassung führt nicht automatisch zu einem besseren Ergebnis.
Häufiges Handeln kann verursachen:
- Kauf und Verkaufskosten
- Geld Brief Spannen beim Börsenhandel
- steuerpflichtige realisierte Gewinne
- höheren Verwaltungsaufwand
- unnötige Eingriffe bei kleinen Abweichungen
- emotionale Fehlentscheidungen
Die US Börsenaufsicht SEC weist darauf hin, dass Rebalancing sowohl nach festen Zeiträumen als auch beim Überschreiten definierter Grenzen erfolgen kann. Es funktioniere in der Regel besser, wenn es nicht zu häufig vorgenommen werde.
Auch die Bundesbank empfiehlt privaten Anlegern einen langfristigen und wenig aktivistischen Ansatz. Zudem sollten die Kosten des Anlageprozesses beachtet werden.
Rebalancing ohne Verkäufe
Ein Verkauf ist nicht immer erforderlich.
Bestehen regelmäßige Sparraten, können neue Beiträge gezielt in die untergewichteten Anlagen fließen. Auch Einmalzahlungen, Ausschüttungen oder frei werdende Festgelder können dafür genutzt werden.
Ein Beispiel:
- Aktien ETF Ziel: 70 Prozent
- Aktien ETF aktuell: 75 Prozent
- sicherer Depotanteil Ziel: 30 Prozent
- sicherer Depotanteil aktuell: 25 Prozent
Statt Aktien zu verkaufen, wird die nächste Sparrate vollständig in den sicheren Anteil investiert. Dadurch nähert sich das Depot schrittweise der Zielstruktur.
Dieses Vorgehen kann Handelskosten und mögliche Steuerfolgen vermeiden. Bei großen Depots oder erheblichen Abweichungen reicht die Sparrate möglicherweise nicht aus. Dann kann die Anpassung sehr lange dauern.
Welche Steuern eine Rolle spielen können
Wer ETF Anteile mit Gewinn verkauft, realisiert grundsätzlich einen Kapitalertrag. Ob darauf tatsächlich Steuern anfallen, hängt unter anderem vom vorhandenen Freistellungsauftrag, der Höhe bereits erzielter Kapitalerträge, möglichen Verlusten und den steuerlichen Eigenschaften des Fonds ab.
Auch die Teilfreistellung bei bestimmten Fonds kann eine Rolle spielen.
Steuern sollten deshalb vor einer größeren Umschichtung berücksichtigt werden. Sie sind jedoch nicht der einzige Maßstab. Ein dauerhaft deutlich zu hohes Risiko kann schwerer wiegen als eine sofortige Steuerbelastung.
Dieser Beitrag kann eine steuerliche Prüfung des Einzelfalls nicht ersetzen.
Was bei mehreren Depots leicht übersehen wird
Viele Anleger betrachten jedes Konto und jedes Depot einzeln.
Für die tatsächliche Vermögensaufteilung sollten jedoch alle relevanten Anlagen gemeinsam erfasst werden:
- Wertpapierdepots
- Tagesgeld und Festgeld
- fondsgebundene Versicherungen
- betriebliche Anlagen
- größere Einzelaktien
- Beteiligungen
- geplante Ausgaben
- Kredite und Immobilienfinanzierungen
Wer im ETF Depot eine Aktienquote von 60 Prozent sieht, kann insgesamt trotzdem deutlich offensiver oder defensiver aufgestellt sein.
Auch ein einzelner ETF ist nicht automatisch ausreichend gestreut. Branchen ETF, Themen ETF oder Fonds für einzelne Länder können erhebliche Konzentrationen enthalten. Die Bundesbank weist darauf hin, dass ETF zwar eine kostengünstige Streuung ermöglichen, aber weiterhin den üblichen Marktrisiken und deutlichen Kursschwankungen unterliegen.
Rebalancing vor und im Ruhestand
Je näher die geplante Entnahme rückt, desto wichtiger wird die Verbindung zwischen Depotstruktur und Liquiditätsplanung.
Ein Depot kann rechnerisch korrekt aufgeteilt sein und trotzdem nicht zum Ruhestand passen. Das gilt beispielsweise, wenn in den ersten Jahren hohe Entnahmen geplant sind, aber kaum schwankungsarme Reserven vorhanden sind.
Vor dem Ruhestand sollten deshalb zusätzlich geprüft werden:
- Welche regelmäßigen Einnahmen sind sicher?
- Wie hoch ist die monatliche Versorgungslücke?
- Welche größeren Ausgaben sind absehbar?
- Für welchen Zeitraum soll Liquidität bereitstehen?
- Welche Depotanteile könnten bei schlechten Börsenkursen verkauft werden müssen?
- Muss die Zielstruktur schrittweise verändert werden?
Eine solche Veränderung ist nicht dasselbe wie Rebalancing.
Beim Rebalancing wird die bestehende Zielstruktur wiederhergestellt. Bei einer strategischen Anpassung wird die Zielstruktur selbst verändert, weil sich Zeitraum, Bedarf oder finanzielle Situation geändert haben.
Typische Fehler beim Rebalancing im ETF Depot
Gewinner einfach weiterlaufen lassen
Nach starken Kurssteigerungen erscheint es unattraktiv, erfolgreiche Anlagen zu reduzieren. Dadurch kann das Risiko jedoch erheblich steigen.
Nach jeder kleinen Abweichung handeln
Nicht jede Veränderung verlangt eine Transaktion. Kleine Schwankungen gehören zur Geldanlage.
Die Zielquote an die Börsenstimmung anpassen
Wer nach Kurssteigerungen mehr Aktien und nach Kursverlusten weniger Aktien halten möchte, handelt häufig der eigenen langfristigen Planung entgegen.
Nur das Wertpapierdepot betrachten
Tagesgeld, Versicherungen, weitere Depots und geplante Ausgaben gehören zur Gesamtbetrachtung.
Steuern und Kosten ignorieren
Ein theoretisch perfekt ausgerichtetes Depot kann wirtschaftlich schlechter sein, wenn dafür unnötig viele Transaktionen erforderlich sind.
Sparraten unverändert lassen
Neue Einzahlungen sind oft der einfachste Weg, Untergewichtungen auszugleichen.
Rebalancing mit einer neuen Strategie verwechseln
Verändert sich der Anlagezeitraum oder beginnt die Entnahmephase, kann eine neue Zielstruktur notwendig sein. Dann reicht die Rückkehr zur alten Quote möglicherweise nicht aus.
Eine praktische Jahreskontrolle
Für eine strukturierte Überprüfung genügen zunächst sieben Fragen:
- Welche Zielaufteilung wurde festgelegt?
- Wie sieht die tatsächliche Aufteilung heute aus?
- Welche Abweichungen sind entstanden?
- Hat sich das Anlageziel verändert?
- Hat sich der Zeitraum bis zur Verwendung verkürzt?
- Können Sparraten oder Ausschüttungen für die Anpassung genutzt werden?
- Welche Kosten und steuerlichen Folgen würden Verkäufe auslösen?
Erst danach sollte entschieden werden, ob überhaupt gehandelt werden muss.
Rebalancing im ETF Depot ist bewusst unspektakulär. Es ersetzt keine gute Anlagestrategie und schützt nicht vor Verlusten. Es verhindert aber, dass eine ursprünglich passende Vermögensaufteilung durch Kursbewegungen unbemerkt zu einem ganz anderen Depot wird.
Eine klare Regel nimmt Emotionen aus der Entscheidung. Sie sorgt dafür, dass nicht die zuletzt erfolgreichste Anlage das Risiko bestimmt, sondern der eigene Finanzplan.
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlage, Rechts oder Steuerberatung dar.
Über den Autor: Thomas Kliem
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