Zwei Anleger erzielen über mehrere Jahre dieselben Renditen. Trotzdem reicht das Vermögen des einen deutlich länger. Der Grund: Gewinne und Verluste treten in einer anderen Reihenfolge auf.
Das Renditereihenfolgerisiko im Ruhestand entsteht, wenn zu Beginn der Entnahmephase Kursverluste auftreten und gleichzeitig Fonds oder ETF verkauft werden müssen. Dadurch fehlen später Anteile, die von einer möglichen Erholung profitieren könnten.
Warum die Reihenfolge beim Ansparen kaum eine Rolle spielt
Wer Vermögen aufbaut und keine Anteile verkauft, wird vor allem vom gesamten Anlageergebnis beeinflusst.
Vereinfacht angenommen entwickelt sich ein Depot über fünf Jahre wie folgt:
- plus 20 Prozent
- plus 10 Prozent
- unverändert
- minus 10 Prozent
- minus 20 Prozent
Ein anderes Depot durchläuft dieselben Ergebnisse in umgekehrter Reihenfolge:
- minus 20 Prozent
- minus 10 Prozent
- unverändert
- plus 10 Prozent
- plus 20 Prozent
Ohne Einzahlungen und Entnahmen ist der Endwert beider Depots identisch. Die Multiplikation der Jahresergebnisse führt unabhängig von ihrer Reihenfolge zum selben Ergebnis.
In der Entnahmephase ändert sich das.
So wirkt das Renditereihenfolgerisiko im Ruhestand
Ein Anleger startet mit 300.000 Euro. Am Ende jedes Jahres entnimmt er 18.000 Euro. Steuern, Kosten und Inflation bleiben in diesem vereinfachten Beispiel unberücksichtigt.
| Jahr | Rendite bei guten Anfangsjahren | Depot nach Entnahme | Rendite bei schlechten Anfangsjahren | Depot nach Entnahme |
|---|---|---|---|---|
| Start | 300.000 Euro | 300.000 Euro | ||
| 1 | plus 20 Prozent | 342.000 Euro | minus 20 Prozent | 222.000 Euro |
| 2 | plus 10 Prozent | 358.200 Euro | minus 10 Prozent | 181.800 Euro |
| 3 | 0 Prozent | 340.200 Euro | 0 Prozent | 163.800 Euro |
| 4 | minus 10 Prozent | 288.180 Euro | plus 10 Prozent | 162.180 Euro |
| 5 | minus 20 Prozent | 212.544 Euro | plus 20 Prozent | 176.616 Euro |
Beide Anleger erleben dieselben fünf Jahresrenditen. Auch die Entnahmen sind identisch. Trotzdem beträgt der Unterschied nach fünf Jahren 35.928 Euro.
Ohne Entnahmen wären in beiden Fällen noch 285.120 Euro vorhanden.
Das Beispiel ist keine Prognose und keine Empfehlung für eine bestimmte Entnahmehöhe. Es zeigt ausschließlich den Einfluss der Reihenfolge.
Warum frühe Verluste besonders problematisch sind
Fällt ein Depot von 300.000 Euro um 20 Prozent, verbleiben 240.000 Euro. Werden anschließend 18.000 Euro entnommen, startet das nächste Jahr nur noch mit 222.000 Euro.
Steigen die Kurse später wieder, wirkt sich die Erholung auf eine deutlich kleinere Vermögensbasis aus.
Bei guten Anfangsjahren ist es umgekehrt. Das Depot wächst zunächst. Spätere Entnahmen und Verluste treffen dann auf ein größeres Vermögen.
Vanguard beschreibt das Renditereihenfolgerisiko als besonders relevant, wenn ein deutlicher Abschwung am Anfang des Ruhestands eintritt. Notwendige Entnahmen verringern dann das Kapital, das an einer späteren Markterholung teilnehmen könnte. corporate.vanguard.com
Durchschnittsrendite reicht für die Planung nicht aus
Eine Ruhestandsplanung mit einer festen durchschnittlichen Rendite vermittelt leicht eine trügerische Genauigkeit.
Eine Annahme von beispielsweise fünf Prozent pro Jahr bedeutet nicht, dass das Depot jedes Jahr um fünf Prozent wächst. In der Praxis wechseln sich gute, schwache und negative Börsenjahre ab.
Für eine Entnahmeplanung sind deshalb mindestens vier Fragen wichtig:
- Welche Schwankungen sind möglich?
- Wie hoch sind die geplanten Entnahmen?
- Wie flexibel können diese Entnahmen angepasst werden?
- Wie lange soll das Vermögen voraussichtlich reichen?
Auch Kosten, Steuern und Inflation müssen berücksichtigt werden. Sie reduzieren den Betrag, der tatsächlich für den Lebensunterhalt zur Verfügung steht.
Fakt, Einordnung und mögliche Schlussfolgerung
Fakt ist: Regelmäßige Verkäufe nach Kursverlusten reduzieren die Zahl der verbleibenden Fonds oder ETF Anteile. Diese Anteile können an einer späteren Erholung nicht mehr teilnehmen.
Einordnung: Nicht jeder Kursrückgang zu Beginn des Ruhestands führt zu einer Vermögenslücke. Die Folgen hängen von Entnahmehöhe, Anlagestruktur, weiteren Einkünften und der Dauer der Schwächephase ab.
Mögliche Schlussfolgerung: Ein Ruhestandsplan sollte nicht nur mit einer durchschnittlichen Rendite rechnen. Er sollte auch schlechte Anfangsjahre und mögliche Reaktionen darauf abbilden.
Welche Faktoren das Risiko erhöhen
Eine hohe anfängliche Entnahme
Je mehr vom Anfangsvermögen verbraucht wird, desto weniger Spielraum besteht für Kursverluste.
Eine Entnahme von vier Prozent wird häufig als Faustregel genannt. Sie ist jedoch keine Garantie. Die Verbraucherzentrale weist darauf hin, dass eine solche Regel nicht zuverlässig funktioniert, wenn der Auszahlplan in einer längeren schwachen Börsenphase beginnt. Verbraucherzentrale.de
Ein sehr hoher Aktienanteil
Aktien bieten langfristige Ertragschancen, können zwischenzeitlich aber erheblich fallen. Werden während eines Einbruchs laufend Anteile verkauft, wird aus einem vorübergehenden Kursverlust teilweise ein dauerhafter Vermögensverlust.
Ein vollständig schwankungsarmes Depot ist allerdings ebenfalls keine automatische Lösung. Zu geringe Ertragschancen können das Inflationsrisiko erhöhen und die mögliche Entnahmedauer verkürzen.
Fehlende Liquiditätsreserven
Wer jede monatliche Ausgabe unmittelbar durch Wertpapierverkäufe finanzieren muss, besitzt in einer Börsenschwäche wenig Handlungsspielraum.
Starre Ausgaben
Müssen alle Entnahmen unabhängig von der Marktentwicklung unverändert fortgesetzt werden, kann sich das Risiko verstärken.
Ein langer Planungshorizont
Wer früh in den Ruhestand geht, muss möglicherweise 30 oder 40 Jahre finanzieren. Damit steigen die Bedeutung von Inflation, Kapitalmarktentwicklung und Langlebigkeit.
Hohe Kosten
Laufende Produkt, Depot und Beratungskosten werden auch in schwachen Börsenphasen belastet. Sie reduzieren die verfügbare Rendite und sollten in jeder Hochrechnung vollständig enthalten sein.
Ein Liquiditätspuffer kann Verkäufe vermeiden
Eine Möglichkeit besteht darin, geplante Ausgaben für einen begrenzten Zeitraum in schwankungsarmen Anlagen bereitzuhalten.
Dafür kommen je nach persönlicher Situation beispielsweise infrage:
- Tagesgeld
- Festgeld mit gestaffelten Laufzeiten
- kurz laufende hochwertige Anleihen
- Geldmarktfonds
- ein gesondertes Ausgabenkonto
In einer Börsenschwäche können Entnahmen zunächst aus diesem Teil finanziert werden. Aktien müssen dann nicht zwingend zu niedrigen Kursen verkauft werden.
Ein solcher Puffer hat aber auch Nachteile:
- Die langfristige Ertragschance ist meist geringer als bei Aktien.
- Die reale Kaufkraft kann durch Inflation sinken.
- Ein sehr großer Sicherheitsbaustein kann das Gesamtvermögen ausbremsen.
- Auch Anleihen und Geldmarktfonds besitzen je nach Ausgestaltung Risiken.
Es geht deshalb nicht darum, möglichst viel Liquidität zu halten. Entscheidend ist eine nachvollziehbare Aufteilung nach geplantem Verwendungszeitpunkt.
Ein Entnahmekorridor schafft Flexibilität
Statt jedes Jahr unabhängig vom Depotwert denselben inflationsbereinigten Betrag zu entnehmen, kann ein Korridor festgelegt werden.
Beispielsweise:
- gewünschte Jahresentnahme
- obere Grenze nach sehr guten Börsenjahren
- untere Grenze nach deutlichen Verlusten
- Ausgaben, die nicht reduziert werden können
- Ausgaben, die vorübergehend verschoben werden dürfen
Nach einem schlechten Börsenjahr könnten Reisen, größere Anschaffungen oder zusätzliche Schenkungen reduziert werden. Miete, Krankenversicherung und laufende Lebenshaltungskosten lassen sich dagegen nur begrenzt anpassen.
Vanguard kam in einer Untersuchung historischer US Marktdaten zu dem Ergebnis, dass anpassbare Entnahmen die Folgen ungünstiger Renditereihenfolgen abmildern können. Die Studie beruht auf US Daten und bestimmten Modellannahmen. Ihre konkreten Ergebnisse lassen sich deshalb nicht unverändert auf jeden deutschen Haushalt übertragen. vanguard.co.uk
Grundausgaben und flexible Ausgaben trennen
Für eine belastbare Planung sollten die Ausgaben nicht nur als Gesamtsumme betrachtet werden.
Grundausgaben
Dazu können gehören:
- Wohnen
- Lebensmittel
- Kranken und Pflegeversicherung
- Mobilität
- regelmäßige Unterstützung von Angehörigen
- notwendige Gesundheitsausgaben
Flexible Ausgaben
Dazu können gehören:
- Reisen
- größere Freizeitaufwendungen
- Fahrzeugwechsel
- umfangreiche Renovierungen
- zusätzliche Schenkungen
- besondere Anschaffungen
Je größer der Anteil flexibler Ausgaben ist, desto leichter kann auf schwache Kapitalmarktjahre reagiert werden.
Lebenslange Einnahmen reduzieren den Entnahmedruck
Gesetzliche Rente, betriebliche Versorgung und private Rentenversicherungen können regelmäßige lebenslange Einnahmen liefern.
Decken solche Zahlungen einen großen Teil der notwendigen Grundausgaben, müssen in einer Börsenschwäche weniger Wertpapiere verkauft werden. Das reduziert das Renditereihenfolgerisiko für den verbleibenden Depotanteil.
Eine Versicherungslösung besitzt gegenüber einem reinen Auszahlplan einen entscheidenden Vorteil: Eine vereinbarte lebenslange Rente endet grundsätzlich nicht, weil die versicherte Person besonders alt wird. Damit übernimmt der Versicherer einen Teil des Langlebigkeitsrisikos.
Dem stehen mögliche Nachteile gegenüber:
- geringere Verfügbarkeit des eingesetzten Kapitals
- begrenzte Vererbbarkeit
- Kosten
- vorsichtige Kalkulation
- abhängig vom Vertrag nur eingeschränkter Inflationsausgleich
- geringere Flexibilität bei verändertem Bedarf
Todesfallleistungen oder Rentengarantiezeiten können vereinbart werden. Sie reduzieren regelmäßig die mögliche Rentenhöhe. Die Verbraucherzentrale weist ebenfalls auf diesen Zusammenhang zwischen lebenslanger Leistung, Vererbung und Rentenhöhe hin. Verbraucherzentrale.de
Eine Kombination kann sinnvoller sein als eine Entscheidung für nur eine Lösung: lebenslange Einnahmen für einen Teil der Grundausgaben und ein flexibel verfügbares Depot für Wachstum, Reserven und Vererbung.
Eine breite Streuung bleibt notwendig
Ein Liquiditätspuffer ersetzt keine tragfähige Anlagestruktur.
Das langfristig angelegte Vermögen sollte nicht von wenigen Einzelaktien, einem Land oder einer Branche abhängen. Eine breite Streuung kann einzelne Unternehmens und Branchenrisiken reduzieren.
Sie verhindert jedoch keine allgemeinen Börsenverluste. Auch ein weltweit gestreuter Aktienfonds kann in einer Krise deutlich an Wert verlieren.
Zusätzlich sollte die Aufteilung zwischen Aktien, schwankungsärmeren Anlagen und Liquidität regelmäßig geprüft werden. Durch unterschiedliche Kursentwicklungen kann das Depot wesentlich riskanter oder defensiver werden als ursprünglich geplant.
Rebalancing statt spontaner Verkäufe
Beim Rebalancing wird das Depot auf die festgelegte Zielaufteilung zurückgeführt.
Sind Aktien stark gestiegen, können Teile der Gewinne in den Sicherheitsbaustein verschoben werden. Nach Kursverlusten sollte dagegen nicht automatisch nur der gefallene Aktienanteil verkauft werden.
Eine Entnahmeregel kann festlegen, aus welchem Baustein Auszahlungen erfolgen:
- aus laufenden Ausschüttungen
- aus dem übergewichteten Depotbereich
- aus der Liquiditätsreserve
- nach guten Börsenjahren durch gezielte Gewinnmitnahmen
- nach festen jährlichen Prüfzeitpunkten
Damit werden Entscheidungen weniger von der aktuellen Stimmung an den Märkten abhängig.
Dividenden lösen das Problem nicht vollständig
Ein ausschüttender ETF kann die Auszahlung organisatorisch vereinfachen. Dividenden sind aber keine garantierte Zusatzrendite.
Nach einer Ausschüttung reduziert sich der Fonds oder Aktienwert grundsätzlich um den ausgezahlten Betrag. Unternehmen können Dividenden außerdem kürzen oder vollständig aussetzen.
Entscheidend ist daher die Gesamtrendite aus Kursentwicklung und Ausschüttungen. Ein Depot mit hohen Dividenden ist nicht automatisch besser für die Entnahmephase geeignet.
Typische Fehler bei der Entnahmeplanung
Nur mit einer Durchschnittsrendite rechnen
Gleichmäßige Modellrenditen bilden keine Börsenkrisen und keine ungünstigen Renditereihenfolgen ab.
Die Entnahme zu hoch ansetzen
Ein guter Börsenstart kann eine zu hohe Entnahme zunächst verdecken. Die Belastung wird möglicherweise erst nach späteren Verlusten sichtbar.
Das gesamte Vermögen defensiv anlegen
Wer jede Schwankung vermeiden möchte, kann langfristige Ertragschancen verlieren und stärker von Inflation betroffen sein.
Ohne Reserve starten
Dann müssen Ausgaben auch bei stark gefallenen Kursen unmittelbar aus dem Depot finanziert werden.
An der Entnahme starr festhalten
Ein begrenztes vorübergehendes Absenken kann wirksamer sein als eine wesentlich größere dauerhafte Kürzung zu einem späteren Zeitpunkt.
Nur auf Ausschüttungen setzen
Dividenden und Fondsausschüttungen sind weder sicher noch unabhängig von der Wertentwicklung.
Steuern und Kosten übersehen
Der benötigte Bruttobetrag kann deutlich höher sein als der Betrag, der nach Steuern tatsächlich zur Verfügung steht.
Langlebigkeit unterschätzen
Ein Auszahlplan mit festem Enddatum trägt das Risiko, dass das Kapital verbraucht ist, obwohl weiterhin Einkommen benötigt wird.
Vererbung und Versorgung nicht abstimmen
Ein möglichst hohes vererbbares Restvermögen steht häufig im Spannungsverhältnis zu hohen lebenslangen Entnahmen.
Eine praktische Prüfliste
Vor Beginn der Entnahmephase sollten Sie diese Fragen beantworten können:
- Welche monatlichen Ausgaben sind unverzichtbar?
- Welche Ausgaben können vorübergehend reduziert werden?
- Welche lebenslangen Einnahmen stehen bereits fest?
- Wie groß ist die verbleibende Versorgungslücke?
- Wie hoch ist die anfängliche Entnahme im Verhältnis zum Depot?
- Wie lange soll das Vermögen voraussichtlich reichen?
- Welche Inflation wurde berücksichtigt?
- Wie hoch sind Steuern und laufende Kosten?
- Für welchen Zeitraum besteht eine Liquiditätsreserve?
- Was geschieht nach einem Kursverlust von 20 oder 30 Prozent?
- Nach welchen Regeln werden Entnahmen angepasst?
- Wie wichtig sind Verfügbarkeit und Vererbung?
- Welcher Teil könnte durch eine lebenslange Rente abgedeckt werden?
- Wann wird der Plan überprüft?
Das Renditereihenfolgerisiko im Ruhestand lässt sich nicht vollständig beseitigen. Es kann aber geplant werden.
Entscheidend ist nicht die Suche nach einer angeblich sicheren Entnahmequote. Tragfähiger ist ein System aus lebenslangen Basiseinnahmen, ausreichender Liquidität, langfristiger Kapitalanlage und klaren Anpassungsregeln. So hängt die Versorgung im Ruhestand weniger davon ab, ob die ersten Börsenjahre zufällig gut oder schlecht verlaufen.
Stand: 26. Oktober 2026. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlage-, Versicherungs-, Rechts oder Steuerberatung dar.
Über den Autor: Thomas Kliem
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